Ist die Grundschule noch zu retten?

Immer mehr √úberfrachtung und Theorie – die Kinder lernen kaum noch, richtig zu schreiben und zu rechnen.

 

K√ľrzlich wurden¬†die Ergebnisse des „IQB-Bildungstrends 2016‚ÄĚ ver√∂ffentlicht.¬†Laut ZEIT-Bericht sagte¬†KMK-Pr√§sidentin¬†Susanne Eisenmann (CDU) anschlie√üend: „Die Ergebnisse sind ern√ľchternd‚ÄĚ. Aber nur wer vorher high war, kann durch vorhersehbare Fakten ern√ľchtert werden.

Petra Stanat, die Leiterin der Studie, erkl√§rt in einem SPIEGEL-Interview zu den niederschmetternden Daten allen Ernstes: „Nicht die Kinder sind das Problem, sondern das Bildungssystem‚ÄĚ.¬†Ich glaube, zu einer solch messerscharfen Schlussfolgerung sind schon vor vierzig Jahren Millionen Eltern gelangt, ohne eine Menge Geld in x Forschungsstudien zu investieren, durch die nichts besser geworden ist.

Ich sage Ihnen, was das Problem ist. Alle f√ľnf Herausgeber der besagten Studie haben nie ein Lehramtsstudium absolviert und nie an einer Grundschule unterrichtet; es sei denn, sie sch√§men sich dessen und machen es nicht publik. Jedenfalls haben meine Internet-Recherchen ergeben, dass Studienabschluss und Promotion¬†in allen f√ľnf F√§llen im Bereich Psychologie bzw. Erziehungswissenschaft erfolgten.

Und genau aus dieser praxisfremden Ecke kommen Ideen wie „Schreiben nach Geh√∂r“ (siehe „Liber Papa ich w√∂sche dir …‚ÄĚ vom 7.8.2017) oder „Inklusion“, die letztlich dazu gef√ľhrt haben, dass unsere Grundsch√ľler im Durchschnitt immer schlechter schreiben und rechnen k√∂nnen. Im Klartext: Die Umsetzung derartiger Utopien in der Schulpraxis war ein absoluter Irrweg. Und die betroffenen Kinder und Lehrkr√§fte haben seit Jahren darunter zu leiden.

Aber wer ein wenig schlicht und subaltern ist, dem fehlt wom√∂glich die Cleverness, zu merken, dass er sich selbst ins Knie geschossen hat. Oder er hat’s l√§ngst gemerkt, will es aber nicht zugeben. Ganz im Sinne der CDU-Vorsitzenden nach der verlorenen Bundestagswahl 2017: „Ich sehe nicht, was wir¬†anders machen sollten‚ÄĚ.

Wie kann das sein? Diese provozierende Selbstgefälligkeit, das hartnäckige Leugnen eigener Fehler, nachdem die immensen Folgen dieser Fehler längst offenkundig sind. Wesentlich sinn- und ehrenvoller wäre es, in einer solchen Situation Georg Christoph Lichtenberg zu zitieren:

Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.

Damit es wirklich gut wird an unseren Grundschulen, muss insbesondere folgendes anders werden:

  • Bei jeder Studie, die sich mit dem Thema Schule besch√§ftigt, m√ľssen neben den Theoretikern die Praktiker angemessen beteiligt sein, also Lehrkr√§fte und Schulleiter mit jahrelanger Unterrichtserfahrung.
  • Um endlich ausreichend viele und dabei hochqualifizierte Lehrkr√§fte in unsere Grundschulen zu bekommen, muss erstens die Ausbildung der Nachwuchslehrer drastisch verbessert werden; und zweitens m√ľssen diese Leute f√ľr ihren Job mindestens so gut bezahlt werden wie Gymnasial- und Berufsschullehrer.
  • Statt in 16 verschiedenen Schulsystemen st√§ndig auf 16 verschiedene Arten herumzuexperimentieren, brauchen wir endlich ein deutsches Schulsystem aus einem Guss.

Spontan f√§llt mir zu den charmanten Studien-Ergebnissen Frank McCourts Buchtitel „Ein rundherum tolles Land‚ÄĚ ein. Ja, ist es nicht toll, unser deutsches Bildungsland? Ein richtiges Tollhaus.

Im √úbrigen bin ich der Meinung, dass alle 16 deutschen Landesministerien f√ľr Schule abgeschafft werden m√ľssen.

 

Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Georg_Christoph_Lichtenberg_Big.jpg?uselang=de
Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Was ist f√ľr Sie ein Projekt, Herr Hofreiter?

Anton Hofreiter, Fraktionschef der Gr√ľnen im Bundestag, hat SPIEGEL ONLINE ein Interview gegeben, das soeben erschienen ist. Darin gibt es die folgende Passage:

SPIEGEL ONLINE: (…) Kann Jamaika f√ľr Sie im Erfolgsfalle mehr werden, etwa ein neub√ľrgerliches Projekt?

Hofreiter: Nein, Jamaika ist kein Projekt. Es w√§re ein B√ľndnis auf Zeit, das sich keiner ausgesucht hat. Und die Gr√ľnen sind keine b√ľrgerliche Partei. Wir sehen uns als Stimme der progressiven Kr√§fte unserer Gesellschaft.

Zum einen f√§llt auf, wie scharf sich Herr Hofreiter von dem Begriff „b√ľrgerlich“ distanziert. Immerhin fordern die Gr√ľnen in ihrem „Programm 2017“ eine B√ľrgerversicherung¬†– das Wort wird sogar im Interview seitens Hofreiter erw√§hnt – und nicht eine Progressiven-Versicherung.

Noch interessanter finde ich, wie der gr√ľne Spitzenpolitiker mit dem Projekt-Begriff umgeht. F√ľr ihn ist ein Vorhaben, das man sich nicht selbst „ausgesucht“ hat, kein Projekt. Aber wer von uns kann sich sein Leben lang immer aussuchen, mit wem zusammen er auf ein Ziel hin arbeitet?

Und dann das „B√ľndnis auf Zeit“ – nach Hofreiters Auffassung das Gegenteil eines Projekts. Aber genau das sind K.-o.-Kriterien eines Projekts: die Einmaligkeit und die Deadline. Wer w√ľnscht sich schon eine Jamaika-Regierung bis in alle Ewigkeit?

Mir scheint, bei den Gr√ľnen gibt es Nachholbedarf bez√ľglich Projektkompetenz und Projektf√§higkeit. Im Projektgesch√§ft, auch im politischen, sind nicht nur Begeisterung und Idealismus gefragt, sondern eine gute Balance von Spirit und Pragma. Anders gesagt, zu viele „Hasen“ und „G√§nse“ im Projekt sind gef√§hrlich, du brauchst auch „F√ľchse“. Und vor allem: „Adler“. Ich denke, das wei√ü auch Anton „Toni“ Hofreiter.

Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anton_Toni_Hofreiter_3504.jpg?uselang=de
Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Projekt – Deadline – Demokratie

„Die Friedh√∂fe sind voll von unentbehrlichen M√§nnern‚ÄĚ, hat Charles de Gaulle einmal gesagt. Die Pointe: Er selbst hielt sich f√ľr so unentbehrlich, dass man ihn nur mit M√ľhe dazu brachte,¬†nach mehr als zehn Jahren Amtszeit endlich die Macht in Frankreich abzugeben.

√Ąhnlich schwer mit der Stab√ľbergabe beim demokratischen Staffellauf taten sich Adenauer, Kohl und Schr√∂der. Und die Gef√§hrdung unserer Demokratie durch √ľbertriebene „Muttivation‚ÄĚ war das Thema meines letzten Artikels.

Kurzer Einschub: Dass es auch anders geht, wurde der Welt durch Papst Benedikt XVI. demonstriert, dessen freiwilliger Machtverzicht ihm selbst und allen Katholiken offensichtlich gut bekommen ist. Auch hier war die Ironie des Schicksals im Spiel: Die katholische Kirche ist alles andere als ein demokratisches Gebilde; ein Stabwechsel zu Lebzeiten ist bei Päpsten gar nicht vorgesehen.

Und nun zur Sache, zur Idee der Demokratie.

Wer sich ein wenig mit den Staatstheorien der alten Griechen besch√§ftigt, etwa mit Aristoteles‚Äô Schrift „Politik‚ÄĚ, und mit damaligen Praktiken, z. B. dem „Scherbengericht‚ÄĚ, erkennt schnell: Bez√ľglich Demokratie, Oligarchie, Monarchie etc. gab es vor √ľber zweitausend Jahren in Athen mehr Sachverstand und effiziente Ma√ünahmen als heute in Pj√∂ngjang oder Ankara, im Kreml oder im Wei√üen Haus.

Es liegt auf der Hand, dass Demokratie ohne Deadline nicht funktioniert. Ein Bundestagsmandat oder eine Kanzlerschaft ist eine befristete politische Aufgabe, keine Lebensstellung. Eine demokratische Regierung ist keine Firma, erst recht kein Trump-Familienbetrieb, sondern ein Projekt – ein einmaliges Vorhaben mit klaren Zielen und einem definierten Ende.

Immer dann, wenn wir √ľber Demokratie reden, reden wir nicht nur √ľber Politik. Es geht um das Wohl jedes einzelnen Menschen in einer Gemeinschaft, um praktische Philosophie und um Projekt-Denken – um Projektphilosophie.

Unser Volk muss in der Lage sein, in einer turnusm√§√üigen Wahl die alte Regierung abzuw√§hlen. Dass dies nicht immer zu 100% funktioniert, stellen wir im Augenblick fest. Das Gezerre um Ja-maika oder Nein-maika, das alles sind nur Symptome. Wir m√ľssen ran an die Wurzeln unseres demokratischen Systems, das hei√üt: So wie die F√ľnf-Prozent-Klausel uns vor Chaos und Unregierbarkeit sch√ľtzt, so brauchen wir auch einen verfassungsm√§√üigen Schutz gegen das zyklische Auftauchen von „ewigen Kanzlern‚ÄĚ, das hei√üt¬†eine Deadline¬†f√ľr die Kanzlerschaft, eine Befristung auf maximal acht Jahre.

Andernfalls kriegen wir die Grundidee des demokratischen Wechsels¬†nicht in die K√∂pfe aller politischen Entscheider. Die Redewendung „Arroganz der Macht‚ÄĚ ist aus meiner Sicht oft besch√∂nigend. Es geht um viel mehr als nur um Arroganz. Es geht darum, dass eine politische Partei nicht zur Staatspartei werden darf – siehe T√ľrkei, siehe Bayern. Und dass der Regierungschef eines von Hause aus demokratischen Staats nicht irgendwann zur Institution wird – siehe Putin oder Erdogan, und in abgemilderter Form: Helmut Kohl.

Fotos:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Charles_de_Gaulle-1963.jpg?uselang=de
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pope_Benedict_XVI_2_(cropped).jpg?uselang=de
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aristotle_Altemps_Inv8575.jpg?uselang=de
Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Trump und Merkel (II)

oder: Die Unvergänglichkeit von Wahrheit und Friedfertigkeit

 

Donald Trump hat am gestrigen Sonntag mithilfe seiner Repetierb√ľchse Twitter einen der einflussreichsten Republikaner¬†auf √ľbelste Weise beleidigt. Nach einem aktuellen Bericht der¬†WELT¬†reagierte der Angegriffene, Senator Bob Corker,¬†mit den Worten:

Es ist eine Schande, dass das Wei√üe Haus zu einer Kindertagesst√§tte f√ľr Erwachsene geworden ist. Heute Morgen hat offensichtlich jemand seine Schicht verpasst.

Aber Herr Corker hat noch ein paar ernstere Dinge gesagt. In einem Interview erkl√§rte er,¬†dass Trump durch sein r√ľcksichtsloses Verhalten die USA an den Rand eines ‚Äědritten Weltkriegs‚Äú bringe. Wir sollten uns dar√ľber im Klaren sein, dass es keinen vierten geben wird. Der dritte wird der letzte sein. Doomsday Clock und Schildkr√∂te Gaia lassen gr√ľ√üen.

In meinem vorangehenden Blog-Artikel habe ich √ľber √Ąhnlichkeiten in der Taktik und der Strategie von Herrn Trump und Frau Merkel geschrieben. An meiner Einsch√§tzung hat sich nichts ge√§ndert. Aber meine Ausf√ľhrungen bezogen sich auf die deutsche Innenpolitik, nicht auf die weltpolitische Lage.

Aus gegebenen Anlass (siehe oben) möchte ich klarstellen:

Es mag noch so viele Trump-Merkel-Parallelen geben, aber die amtierende Bundeskanzlerin ist weder infantil noch narzisstisch noch gr√∂√üenwahnsinnig. Sie zwitschert nicht. Sie schwadroniert nicht. Sie ist Physikerin. Und sie behandelt andere nicht herabw√ľrdigend, nur weil sie Mexikaner, Muslime oder Afroamerikaner sind. Sie verbreitet keine dreisten L√ľgen, und sie droht nicht anderen L√§ndern, sie zu vernichten.

Ich denke, Angela Merkel hat eine Menge f√ľr unser Land und Europa geleistet. Aber in den letzten Jahren sind ihr einige „fatal errors“ unterlaufen, auch wenn sie dies nicht zugeben mag. Nicht zuletzt dadurch kam es zur bisher gr√∂√üten Wahlniederlage der CDU und zum beispiellosen Siegeszug der AfD, der unsere Republik schon jetzt dramatisch ver√§ndert.

Das alles w√§re nicht passiert, wenn bei uns – wie in anderen L√§ndern – die Amtszeit des Regierungschefs auf maximal zwei Legislaturperioden begrenzt w√§re. Dar√ľber sollten unsere Spitzenpolitiker nachdenken, sich verst√§ndigen und zeitnah handeln.

1 Kommentar | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Trump und Merkel

oder: Die Vergänglichkeit allen Strebens

 

In der Grand Old Party brodelt es. Noch wagen die meisten es nicht, offen den R√ľcktritt der Nummer eins zu fordern. Noch nicht. Aber sie fragen sich: Wie konnte jemand Nummer eins in unserer Partei werden, der urspr√ľnglich gar nicht zu uns geh√∂rte, der in jungen Jahren auf der anderen Seite stand?¬†Wie konnte es passieren, dass dieser Mensch¬†systematisch s√§mtliche Rivalen abservierte? Vertritt diese Nummer eins √ľberhaupt die Werte, f√ľr die unsere Partei immer stand?

Ich spreche von der CDU und ihrer Vorsitzenden. Klar, auf den ersten Blick scheinen Trump und Merkel nicht viel gemeinsam zu haben.¬†Bez√ľglich Sozialisation, Bildung, Lebensweise und vermutlich auch IQ gibt es gro√üe Unterschiede. Dennoch, es gibt eine Menge Parallelen. Vor allem: Beide sind sehr schlau, wenn es um das Erringen und Erhalten von Macht geht.

In seinem legend√§ren Werk „G√∂del, Escher, Bach“ definiert Douglas R. Hofstadter die folgenden acht Eigenschaften als Voraussetzungen f√ľr Intelligenz:

  • sehr flexibel auf die jeweilige Situation reagieren
  • g√ľnstige Umst√§nde ausn√ľtzen
  • aus mehrdeutigen oder kontradiktorischen Botschaften klug werden
  • die relative Wichtigkeit verschiedener Elemente in einer Situation erkennen
  • trotz trennender Unterschiede √Ąhnlichkeiten zwischen Situationen finden
  • trotz √Ąhnlichkeiten, die sie zu verbinden scheinen, zwischen Situationen unterscheiden k√∂nnen
  • neue Begriffe herstellen, indem man alte Begriffe auf neuartige Weise zusammenf√ľgt
  • Ideen haben, die neuartig sind.

Und nun stellen Sie sich bitte vor, Sie h√§tten eine wichtige Position zu besetzen und auf der Liste der Bewerber st√ľnden Donald Trump und Angela Merkel. Lachen Sie nicht, denn genau das ist unser Job als W√§hlerin und W√§hler. Pr√ľfen Sie, inwieweit die beiden Kandidaten die obigen Voraussetzungen erf√ľllen. Und wenn Sie schlau im Sinne des f√ľnften Kriteriums „trotz trennender Unterschiede“ sind, stellen Sie fest: Ja, es gibt √Ąhnlichkeiten.

Beim heutigen Deutschlandtag der Jungen Union gab es f√ľr Frau Merkel¬†R√ľcktrittsforderungen und Applaus. Die Kanzlerin stellte – wen wundert es? – wieder einmal ihr Konzept als alternativlos dar. Diesmal tr√§gt es den Namen Jamaika. Ich sage, Jamaika ist ziemlich weit weg von Berlin. Und es gibt durchaus Alternativen; es k√§me auf einen Versuch an. Why not?

P. S.: Was bei Trump, Merkel und auch Hofstadter zu kurz kommt, ist die Lebensklugheit, die praktische Philosophie. Es fehlt das neunte Kriterium:

  • nicht nur wissen, dass alles verg√§nglich ist, sondern es sich jeden Tag bewusst machen: Irgendwann werde ich sterben, vielleicht schon morgen; und irgendwann wird ein anderer meinen Job machen.
Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

SPD++

… unter diesem Label hat sich eine neue Initiative innerhalb der SPD formiert.¬†Genaueres erf√§hrt man in dem SPIEGEL-bento-ArtikelDiese Frau will die SPD revolutionieren‚ÄĚ. Verena Hubertz ist 29 Jahre alt, Start-Up-Unternehmerin, seit 2009 Mitglied der SPD und aus meiner Sicht ein Mensch mit herausragender¬†Projektintelligenz.

In dem Artikel gibt es unter anderem ein Balkendiagramm, in welchem die Gesamtheit der SPD-Mitglieder analysiert wird – bez√ľglich Alter, Geschlecht, Schulbildung und Beruf. Die √úberschrift dazu lautet: „So alt ist die SPD‚ÄĚ. Noch treffender w√§re: „So verbeamtet ist die SPD‚ÄĚ. Denn, man glaubt es kaum, in der SPD kommen heute¬†auf zwei Arbeiter f√ľnf Beamte bzw. √∂ffentlich Bedienstete.

Wer diese Zahlen liest, dem dämmert ganz allmählich, warum es unter den organisierten Sozialdemokraten so wenig Begeisterung, Pioniergeist und Mut zur Veränderung gibt. Etwas zugespitzt gesagt: In der SPD findet man zur Zeit vorzugsweise alte, fantasielose, beamtete Männer mit Abitur.

Die Initiative SPD++ findet inzwischen immer mehr Zustimmung innerhalb der Partei, beispielsweise durch die Ministerpr√§sidentinnen Malu Dreyer und Manuela Schwesig. Ebenso durch die Schriftstellerin Juli Zeh, deren Analyse der Bundestagswahlergebnisse ziemlich genau dem entspricht, was ich in den lap-land-Artikeln vom 20.9., 23.9. und¬†25.9.¬†und zum Ausdruck gebracht habe. Hier ein Auszug aus Frau Zehs SPIEGEL-Online-Artikel √ľber die Zukunft der SPD, der¬†gestern erschienen ist, und zwar unter der knuffigen √úberschrift „Alte Tante, rette uns!‚ÄĚ:

Seit dem Wahlsonntag fragen sich die Talkrunden, was Martin Schulz falsch gemacht habe. Kaum jemand fragt nach Angela Merkels verlorenen Prozentpunkten. Dabei war die Bundestagswahl 2017 keine schwarze Stunde der Sozialdemokratie, sondern ein Schlag ins Gesicht aller Volksparteien.

Ich w√ľnsche den jungen, fantasiereichen, nicht beamteten Frauen von SPD++ ganz viel Erfolg. Ob mit oder ohne Abitur.

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Ausatmen

Ausatmen. Loslassen. Jeder, der einmal zu meditieren versucht hat, weiß, wie wichtig hierbei der Atem und speziell das Ausatmen ist.

Ich bin froh, dass das Bundestagswahlfieber vorbei ist. Zu viel Aufgeregtheit und Hektik bedeutet Stress, oder genauer: Distress. Irgendwann stellst du fest, du musst den Akku wieder aufladen. Du sehnst dich nach Bewegung unter freiem Himmel, nach Musik und Kontemplation.

In der vergangenen Woche habe ich sonnig-herbstliche Tage im Schwarzwald erlebt, gestern Abend dann ein großartiges Konzert in der Martin-Luther-Kirche Bad Neuenahr. Die Evangelische Kantorei hatte zur Geistlichen Abendmusik eingeladen, diesmal mit dem Leitmotiv

Verleih uns Frieden.

Jedesmal, wenn ich die Verse Martin Luthers h√∂re – „Es ist doch ja kein andrer nicht,¬†der f√ľr uns k√∂nnte streiten,¬†denn du, unser Gott, alleine“¬†-, habe ich einen Klo√ü im Hals. In den Zeiten von Trump-Kim-Erdogan ist es nicht besser geworden. Und mir kommen die Verse der Rolling Stones in den Sinn: „Well what can a poor boy do¬†except to sing for a rock ’n‘ roll band“.

Ja, es gibt ein Trio, das mir lieber ist als¬†Trump-Kim-Erdogan, drei Musikanten mit R√ľckgrat und voller Leidenschaft:

  • Martin¬†Luther, der – so hei√üt es – gesagt hat, er werde heute¬†noch ein Apfelb√§umchen pflanzen, wenn er w√ľsste, dass morgen die Welt unterginge
  • der Kabarettist und Liedermacher Hanns Dieter H√ľsch¬†und
  • Mick Jagger.

Wieso H√ľsch? Nun, von ihm stammt der Text des Liedes, mit dem gestern die Geistliche Abendmusik in Bad Neuenahr zu Ende ging:

Ich bin vergn√ľgt, erl√∂st, befreit.

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Why not?

 

Neuer Bundesminister f√ľr Schule, Hochschule und Forschung:

 

 

 

 

 

 

Im √úbrigen bin ich der Meinung, dass alle 16 deutschen Landesministerien f√ľr Schule abgeschafft werden m√ľssen.

Bildquellen:
Gabriel: Wikimedia; Olaf Kosinsky / kosinsky.eu
Lindner: Olaf Kosinsky (wikiberatung.de) Lizenz: CC BY-SA 3.0via Wikimedia Commons
Göring-Eckardt: Wikimedia; Stephan Röhl
Bartsch: Wikimedia; Blömke/Kosinsky/Tschöpe
Habeck: Wikimedia; Robert Habeck, 14. Januar 2012, eigenes Werk
Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Deserteur Schulz

In meinem Artikel „Wahlkampf-Mathematik 2017“ vom 20. September hatte ich die Werte der Forsa-Prognose vom 19.9. in der folgenden Form visualisiert (die beiden Parteien CDU und CSU als schwarzer Block, die drei Parteien SPD, die Linke und die Gr√ľnen als roter Block):

 

(Anmerkung: Im schwarzen Block lauten die korrekten Werte 29,6% bzw. 6,4% statt 27,6 bzw. 8,4; siehe Korrektur-Vermerk vom 24.9. am Ende des oben genannten Artikels.)

Anschließend hatte ich folgende Prognosen gewagt:

  • F√ľr Schwarz-Gelb wird es nicht reichen (das sagen ohnehin die meisten).
  • Die schwarze S√§ule wird kleiner sein als in dem obigen Diagramm; insbesondere wird die CDU auf weniger als 27% kommen.
  • Die blaue S√§ule wird deutlich gr√∂√üer sein, dank Altmaier & Co.. Also: 13% f√ľr die AfD, plus/minus 3%.
  • Wenn die Roten und die Gelben sich nicht allzu leicht von den Schwarzen √ľber den Tisch ziehen bzw. sich gegeneinander ausspielen lassen, wird es in K√ľrze keine Kanzlerin Merkel mehr geben.

 

Inzwischen liegt das vorläufige Ergebnis der gestrigen Bundestagswahl vor. Wenn man die Zahlen auf die gleichen Weise visualisiert wie im obigen Diagramm, dann ergibt sich das folgende Bild:

 

Wie Sie sehen, waren meine Prognosen vom 20.9. ausnahmslos richtig.

Die Bundestagswahl 2017 hat dramatische Ver√§nderungen in der Gewichtsverteilung der politischen Parteien unseres Landes gebracht. Wenn man im Endergebnis-Diagramm die gr√ľnen Werte („Prozentuale Ver√§nderungen“) betrachtet, stellt man fest, im Vergleich zu 2013

  • hat die AfD ihren Stimmenanteil fast verdreifacht und damit ihren Einzug ins Bundesparlament geschafft
  • hat die FDP ihren Wert mehr als verdoppelt und ist nun ebenfalls wieder im Bundestag vertreten
  • musste der rote Block eine Verminderung um knapp 10% hinnehmen, w√§hrend
  • der schwarze Block die mit Abstand gr√∂√üten Verluste (ein Minus von mehr als 20%) verzeichnet; die CSU erzielte den schlechtesten Wert seit Bestehen der Bundesrepublik und √ľberwand nur mit M√ľhe die F√ľnf-Prozent-H√ľrde – ein Desaster f√ľr Angela Merkel, die Chefin des schwarzen Blocks.

Und was macht Martin Schulz? Der Mann der von Februar an bis vorgestern, also f√ľnf Monate lang, gesagt hat, er wolle Bundeskanzler werden, der F√ľhrer der SPD, der √§ltesten und traditionsreichsten deutschen Partei, geht vor die Kameras und verk√ľndet: Die SPD geht in die Opposition. Um es mit den Worten von Wolfgang Kubicki zu sagen: Die SPD macht sich vom Acker.

Was ist das denn? Beschränktheit? Feigheit?

Die Kanzlerin erleidet eine vernichtende Niederlage, und der SPD-Chef, der jetzt Kanzler werden k√∂nnte (siehe oben: Rot plus Gelb), der nicht Mitglied der abgew√§hlten Regierung war und die historische Chance f√ľr einen Neuanfang in Deutschland h√§tte, sagt: Wir haben verloren. Er desertiert.

Lindner kann’s nicht glauben, Kubicki nicht, G√∂ring-Eckardt und √Ėzdemir sind verdattert. Ich auch.

3 Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Worst Case GroKo

GroKo – das gro√üe Kotzen. Keiner sagt es so drastisch und laut, aber gef√ľhlte 95 Prozent der Deutschen sehen es so. Sie empfinden manche Wahlkampf-√Ąu√üerungen f√ľhrender GroKo-Repr√§sentanten als gro√ükotzig. Wasser auf die M√ľhlen der Parteien, die jetzt noch in der Opposition sind. Bis morgen Abend.

„Opposition ist Mist‚ÄĚ – Worte des ehemaligen SPD-Vorsitzenden M√ľntefering. Ich sage: Wenn die SPD nach dieser Wahl weder in der Lage ist, den Kanzler zu stellen, noch bereit ist, in die Opposition zu gehen, dann ist das mehr als Mist.

 

 

 

 

 

 

 

 

Es w√§re die Selbstentleibung der SPD. Und bedrohlich f√ľr unsere Republik.

Fassen wir zusammen:

  • Die sogenannte „Gro√üe Koalition‚ÄĚ der vergangenen Jahre war nie gro√ü. Vielmehr ein Zweckb√ľndnis von drei (nicht zwei!) deutschen Parteien, die sich gegenseitig Budgets und P√∂stchen zugeschoben haben: CDU, CSU und SPD. Keine von ihnen ist zur Zeit eine Volkspartei, allenfalls die CSU in Bayern.
  • Im neuen Deutschen Bundestag wird es vermutlich sieben Parteien geben und wegen der √Ąchtung der AfD und der partiellen √Ąchtung der Linken nur drei M√∂glichkeiten einer Regierungsbildung:
    – Neuauflage des 3-Parteien-Arrangements mit der euphemistischen Bezeichnung „GroKo‚ÄĚ – falls die SPD sich f√ľr den Suizid entscheidet
    – eine 4-Parteien-Regierung „Jamaika‚ÄĚ (CDU, CSU, FDP, Gr√ľne) – falls die Gr√ľnen voll auf Risiko gehen
    – eine 4-Parteien-Regierung „Rot-Gelb‚ÄĚ (SPD, Linke, Gr√ľne, FDP) – vorausgesetzt, Linke und Gr√ľne kapieren endlich, dass sie die alte Tante SPD genauso brauchen wie die CSU die gro√üe Schwester CDU; d. h. sie durchschauen den Teile-und-herrsche-Trick des „Schwarzen Blocks‚ÄĚ, der seit Jahrzehnten – mit Unterst√ľtzung der Medien – verhindert, dass SPD, Gr√ľne und Linke zu ihren gemeinsamen Wurzeln stehen und sich¬†als „Roten Block“ ¬†begreifen (siehe S√§ulendiagramm in „Wahlkampf-Mathematik 2017‚ÄĚ), in dem die sachlichen Differenzen meist geringer sind als im Schwarzen Block.

Morgen Abend wissen wir mehr.¬†Schau’mer mal.

Fotos: Wikimedia
Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Sch√ľlerin Gretchen an Partei XY: „Wie h√§ltst du’s mit der Bildung?“

Im gestrigen web.de-Artikel „Welche Themen entscheiden den Wahlkampf?‚Ä̬†wird von einer infratest-dimap-Umfrage berichtet:

Wenn man den Zahlen glaubt, entscheidet sich die Bundestagswahl 2017 in der Bildungspolitik. In einer Umfrage von infratest dimap haben k√ľrzlich 64 Prozent der Befragten angegeben, dieses Thema sei f√ľr sie sehr wichtig, es ist der h√∂chste Wert ‚Äď noch vor Terrorismus, Kriminalit√§t und Rente.

Ist das nicht lustig? St√§ndig versuchen uns irgendwelche Leute einzureden, Bildung sei nicht Sache des Bundes, sondern der L√§nder. Aber zwei Drittel der W√§hlerinnen und W√§hler sehen das v√∂llig anders. Sie wollen, dass Bildung endlich zur Chefsache gemacht wird (vgl. Artikel „Wen w√§hlen?“ vom 13.9.2017).¬†Damit z. B. ihre Kinder nach einem Umzug in ein anderes Bundesland nicht mit v√∂llig neuen Schultypen, Lehrpl√§nen und Abitur-Wertungen zu k√§mpfen haben.

F√ľr alle, die immer noch nicht wissen, bei welcher Partei sie am Sonntag ihr Kreuzchen machen werden: Einen guten √úberblick √ľber die Positionen der Parteien¬†bez√ľglich Bildung bietet ein SPIEGEL-Artikel von Armin Himmelrath.

Im √úbrigen bin ich der Meinung, dass alle 16 deutschen Landesministerien f√ľr Schule abgeschafft werden m√ľssen.

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Wahlkampf-Mathematik 2017

Nehmen wir einmal an, am kommenden Sonntagabend sähe das Ergebnis der Bundestagswahl folgendermaßen aus:

 

Sie lachen? Aber das sind exakt die Zahlen der neuesten Forsa-Prognose (19.9.). Ich habe mir nur erlaubt, die Daten auf eine neue, pragmatische Weise zu visualisieren, und zwar habe ich

  • im schwarzen Block den prozentualen Anteil der CSU kenntlich gemacht¬†(denn die Union ist keine Partei, sondern eine Fraktionsgemeinschaft im Bundestag; die obigen 8,4% ergeben sich rechnerisch aus¬†dem¬†endg√ľltigen Ergebnis der Bundestagswahl 2013, wo korrekterweise CDU und CSU getrennt aufgef√ľhrt werden) und
  • die drei Mitte-Links-Parteien (SPD, die Linke, die Gr√ľnen) zu einem roten Block zusammengefasst.

Das seit Jahrzehnten „√ľbliche“ (warum eigentlich?) Verfahren – n√§mlich schwarz/Union, rot/SPD, violett/Linke usw. – halte ich f√ľr v√∂llig √ľberholt und wettbewerbsverzerrend.¬†Schon am 1.5.2016 habe ich in meinem Artikel „Der Finanzminister als M√§rchentante“ darauf hingewiesen: Die Nichtw√§hler bilden heute die einzige Volkspartei in Deutschland¬†(vgl. S√ľddeutsche, 23.9.2013).

Wenn ich Martin Schulz w√§re, w√ľrde ich noch heute Abend vor die Kameras und Mikrofone treten und erkl√§ren:

„Frau Merkel hat ja k√ľrzlich die SPD aufgefordert, klipp und klar zu sagen, mit wem sie bereit ist zu koalieren. Und mit wem nicht, wobei die CDU-Vorsitzende speziell an die Linke gedacht hat.
Allen W√§hlerinnen und W√§hlern sage ich hier und heute: Die SPD steht in der n√§chsten Legislaturperiode f√ľr eine Koalition mit der CDU und/oder der CSU nicht zur Verf√ľgung. Das Gleiche gilt f√ľr die AfD. Punkt“.

Warum eiern Herr Schulz und all die anderen Spitzenpolitiker so herum in der Frage m√∂glicher B√ľndnisse? Was glauben sie denn, wie sie √ľberhaupt eine Regierungsmehrheit zustande bringen k√∂nnen – bei mehr als 30% Nichtw√§hlern und 15-20% der Stimmen f√ľr AfD und sonstige Parteien?

Wieso finden Leute wie Herr Altmaier es so originell, die AfD und ebenso die Linke total auszugrenzen? Und das mit konstanter B√∂swilligkeit.¬†Was ist das f√ľr ein Demokratieverst√§ndnis, welche Arroganz, zu sagen: Besser nicht w√§hlen als einer dieser beiden Parteien seine Stimme zu geben? Ich vermute, daf√ľr wird es am Wahlabend eine Quittung geben, und einigen der beh√§big-selbstzufriedenen „Strategen“ wird es die Sprache verschlagen.

Hier ist meine persönliche Wahlprognose:

  • F√ľr Schwarz-Gelb wird es nicht reichen (das sagen ohnehin die meisten).
  • Die schwarze S√§ule wird kleiner sein als in dem obigen Diagramm; insbesondere wird die CDU auf weniger als 27% kommen.
  • Die blaue S√§ule wird deutlich gr√∂√üer sein, dank Altmaier & Co.. Also: 13% f√ľr die AfD, plus/minus 3%.
  • Wenn die Roten und die Gelben sich nicht allzu leicht von den Schwarzen √ľber den Tisch ziehen bzw. sich gegeneinander ausspielen lassen, wird es in K√ľrze keine Kanzlerin Merkel mehr geben.

 

24.9.2017 Korrektur:
Bei der obigen Berechnung des prozentualen Anteils der CSU am Gesamtwert des schwarzen Blocks ist mir ein Fehler unterlaufen.¬†Aus den endg√ľltigen Ergebnissen der Bundestagswahl 2013 wurde statt der Zweitstimmen-Zahl f√§lschlich die Zahl der Mandate als Grundlage genommen. Deshalb lauten die richtigen Einzel-Werte im schwarzen Block: 29,6% bzw. 6,4% statt 27,6 bzw. 8,4. Der Gesamtwert 36% bleibt dabei selbstverst√§ndlich unver√§ndert.¬†

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

In eigener Sache: Buchtipps, Kalenderspr√ľche

Ab heute gibt es zwei weitere Neuerungen in lap-land.

  • Die Rubrik „Schlagw√∂rter‚ÄĚ enth√§lt jetzt den Eintrag „Buchtipp‚ÄĚ. Durch ihn erh√§lt man eine Liste aller Artikel, in denen ein Buch vorgestellt wird. Bisher gibt es solche Artikel nur in unregelm√§√üigen Abst√§nden. Geplant ist jedoch f√ľr die nahe Zukunft ein Buchtipp des Monats, zu dem es dann unterhalb des aktuellen Kalenderspruchs einen entsprechenden Hinweis geben wird.
    Meinem Freund und Kollegen Markus Horst danke ich an dieser Stelle herzlich f√ľr seine Anregung zu dieser Blog-Erg√§nzung.
  • Der Kalenderspruch wird ab sofort nicht nur monatlich, sondern jede Woche aktualisiert.
1 Kommentar | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Wen wählen?

Bildungspolitik als Pr√ľfstein im Bundestagswahlkampf

 

„Opa, wie schreibt man ‚Gewehr‘, mit √§ oder mit e?“ „Wei√ü ich auch nicht. Schreib‘ einfach ‚Flinte‘. Mit V, wie Pfingsten.“

Ich bin stolzer Opa zweier Enkelkinder, die in wenigen Jahren zur Schule gehen werden. Ich w√ľnsche mir, dass beide weiter¬†mit Freude lernen, entdecken, ausprobieren. Denn das machen sie seit ihrer Geburt – ohne Druck, ohne Angst und Magenschmerzen. Mir ist auch sehr daran gelegen, dass sie nicht irgendwann zu Drogen greifen, aus lauter Frust, Langeweile, √úberdruss. Oder sich vor einen Zug schmei√üen.

Es ist ein eigenartiger Wahlkampf, den wir zur Zeit erleben. Da gibt es ein gro√ü angek√ľndigtes, mickrig geratenes TV-„Duell“ der beiden Spitzenkandidaten, und in 95 Sendeminuten wird weniger als 20 Sekunden √ľber Bildung gesprochen. 0,3 Prozent f√ľr die Zukunft unseres Landes und 99,7 Prozent f√ľr Gegenwart und Vergangenheit.

Wie ist das m√∂glich? Ich sag‘ es Ihnen: Circa 600.000 beamtete Lehrer, Erziehungswissenschaftler und ¬†Schulministerialb√ľrokraten wollen weiterhin gut versorgt werden. Sie sind eine Minderheit,¬†etwa 1% der 61,5 Millionen deutschen Wahlberechtigten.¬†Aber sie sind bestens organisiert in schlagkr√§ftigen Standes- und Interessenverb√§nden. Und sie sind in den Parlamenten extrem stark vertreten. Der deutsche Bundestag besteht zu fast einem Viertel aus Lehrern und anderen √∂ffentlich Bediensteten.

Abgesehen von wenigen, r√ľhmlichen Ausnahmen verteidigen sie mit Z√§hnen und Klauen das absurde 16fache deutsche Schulsystem – mit 16fachen Personalkosten f√ľr Lehrpl√§ne, Richtlinien etc.. Auf diese Weise ist ein Zoo aus x verschiedenen Schultypen und Bildungsg√§ngen entstanden. Viele davon sind v√∂llig sinnlos, denn nach ihrem Abschluss f√§ngt man¬†quasi bei Null an, wenn man wirklich Geld verdienen will.

Circa 11 Millionen Sch√ľlerinnen und Sch√ľler¬†und Millionen von Kleinkindern in unserem Land haben keine Lobby, bis auf Schulpflegschaften und wenige Elternverb√§nde. Aber solche Plattformen m√ľssen auch genutzt werden! Es muss massenhaft und effizient¬†Druck erzeugt werden auf das Bildungskartell. Eine steife Brise √† la Macron. Wie sonst soll tr√§ge Masse in Bewegung geraten?

Glauben Sie, dass eine Kanzlerin, die sich 12 Jahre lang nicht an die heilige Kuh Bildungsf√∂deralismus herangewagt hat, es nach ihrer dritten Wiederwahl tun wird? Nein, sie wird’s niemals tun; sie bestreitet das nicht einmal. Und was sagen dazu die Chefs der anderen Parteien? Wer macht Bildung zur Chefsache? Recherchieren Sie, pr√ľfen Sie! Und vergessen Sie hierbei den brandneuen SPIEGEL-Artikel „Wahlprogramme im Vergleich“ – 6 Parteien, 10 Themenfelder. Und Bildung? Fehlanzeige. Wie beim erw√§hnten Fernseh-„Duell“ nach Muttis Rezept. Ich bin weder Medienhasser noch Verschw√∂rungstheoretiker, aber ich sage: Der Unfug hat Methode.

Fangen Sie an, zu diskutieren, Fragen zu stellen, Verb√ľndete zu suchen. Setzen Sie sich auseinander mit Argumenten und mit Menschen, die L√ľgen verbreiten, die Wasser predigen und Wein trinken.¬†Politik kommt von Polises geht um die Schulen in Ihrer Stadt!¬†Falls Sie f√ľr Ihren pers√∂nlichen Aufbruch in Sachen Bildungspolitik eine kleine Anfeuerung brauchen, schauen Sie rein beim YouTube-Kanal lap-land. Im dritten Video (Dauer 15:57) geht es um den Hallo-Wach-Effekt, ab Zeitpunkt 10:10.

Im √úbrigen bin ich der Meinung, dass alle 16 deutschen Landesministerien f√ľr Schule abgeschafft werden m√ľssen.

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Witzableiter(12): Akademisierungswahn

Zwei Irre betrachten einen Regenbogen.¬†Da sagt der eine: „So was an den Himmel zu h√§ngen, daf√ľr haben sie Geld. Aber uns studieren lassen …“

aus: E. C. Hirsch, Der Witzableiter, Hoffmann und Campe
Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Buddha, Faust, Bill Gates

Vor knapp zwei Wochen schrieb ich den Artikel „Hase, Gans, Adler …“. Darin ging es um die Frage:

Will ich zu viel – oder zu wenig?

Ein abendl√§ndischer Projektmensch – ob er nun Faust hei√üt,¬†Oppenheimer oder Gates – will eher zu viel als zu wenig. Den Geist aus der Flasche zu lassen, gibt ihm den ultimativen Kick. Deshalb¬†tut er sich schwer mit Weisheiten aus dem fernen Osten: Reduziere Deine Bed√ľrfnisse, keine Ziele, keine Projekte, nicht anhaften. Mir geht’s genauso, aber ich werde √§lter 😎. Und ich stelle fest, es geht auch anders.

Hinzu kommt, nach Jahrhunderten voller kriegerischer Projekte im Namen irgendeines Gottes, die berechtigte Frage des Dalai Lama:

Wäre es nicht besser, wenn wir
gar keine Religionen mehr hätten?

In „Was ist Kultur?“ vom 22.6.2017 habe ich bereits aus Will Durants ‚ÄěVerm√§chtnis des Ostens‚Äú zitiert. Hier ein kurzer Auszug aus dem Kapitel „Buddha“:

Es gibt in der Religionsgeschichte nichts Seltsameres als den Anblick Buddhas, der eine Weltreligion gr√ľndet und sich weigert, in eine Diskussion √ľber Ewigkeit, Unsterblichkeit oder Gott einzutreten. Das Unendliche ist ein Mythos, sagt er, eine Erfindung der Philosophen, die nicht genug Bescheidenheit besitzen, zu gestehen, dass ein Atom niemals den Kosmos verstehen kann.

 

Er bel√§chelt die Debatten √ľber die Endlichkeit oder Unendlichkeit des Universums, gerade als ob er die sinnlose Astromythologie der Physiker und Mathematiker, die heute √ľber dieselbe Frage diskutieren, vorauss√§he. (…)

Er nennt solche Fragen „die Dschungel, die W√ľste, das¬†Puppentheater (…)“ *) und will nichts damit zu tun haben (…). Fr√∂mmigkeit und Zufriedenheit liegen nicht im Wissen √ľber das Universum und √ľber Gott, sondern einfach im selbstlosen, wohlt√§tigen Leben.

Ich glaube, Buddha war kein Adler. Der junge Siddharta Gautama war eine Gans, aber im Laufe vieler Jahre wurde er zum Fuchs. Er war ein Pragmatiker par excellence.

 

*) Davids, T. W. Rhys, Dialogues of the Buddha. Bd. II der Sacred Books of the Buddhists. Oxford, 1923

Bildquelle: Gandhara Buddha. 1st-2nd century. Musee Guimet, Paris.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:BuddhaHead.JPG

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Wie kann das sein – immer bessere Schulnoten und immer mehr Schulstress?

Der SPIEGEL bringt in der Rubrik „Leben und Lernen“ (siehe Blogroll) am selben Tag, n√§mlich am 1.9., zwei Artikel heraus, deren √úberschriften auf den ersten Blick nicht zueinander zu passen scheinen:

Schon in meinem Artikel vom 21.8. habe ich davor gewarnt, allzu schnelle Schl√ľsse bez√ľglich Ursache und Wirkung zu ziehen. Das gilt auch hier: Wer meint ‚Äď sei es als Lehrer, Vater oder Mutter ‚Äď, durch immer geringere Anforderungen und immer „freundlichere“ Beurteilung mache man die Sch√ľler gl√ľcklicher, ist offensichtlich auf dem Holzweg.

Die Lekt√ľre der oben genannten Texte macht einen traurig; zugleich dr√§ngen sich viele Fragen auf. Ich will hier nur zwei benennen:

Ist wom√∂glich das Problem nicht, dass es immer mehr tr√§ge, angepasste Sch√ľler gibt, sondern dass der Prozentsatz der tr√§gen, angepassten Lehrer steigt?

Hat der zunehmende Stress der Jugendlichen vielleicht weniger mit zu schwierigen Aufgaben in der Schule zu tun (dies bem√§ngeln laut DAK-Studie, S.16, nur 18% der Befragten) als mit Mobbing, Bewegungsmangel, Drogen oder √ľberehrgeizigen Eltern? (vgl. vorangehenden Blogpost: Hase, Gans, Adler … Will ich zu viel …).

Z√§hlen Sie einmal nach, wie oft es in den beiden SPIEGEL-Aufs√§tzen und in der DAK-Studie um Angst, Bequemlichkeit und Geltungssucht geht. Was Sie dort kaum finden, ist das, was¬†zum Gl√ľck immer noch bei vielen Lehrern und Sch√ľlern anzutreffen ist:¬†Mut, Leidenschaft, R√ľckgrat, autonomes Denken und die Lust, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Dass dies alles nicht verloren geht, daf√ľr sollten wir k√§mpfen. Jeden Tag.

Im √úbrigen bin ich der Meinung, dass alle 16 deutschen Landesministerien f√ľr Schule abgeschafft werden m√ľssen.

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Hase, Gans, Adler – Philosophie des Projekts. Will ich zu viel – oder zu wenig? …

… ein Fragesatz, der es in sich hat. Als ich die¬†neue Ausgabe des¬†Philosophie Magazins¬†las, war¬†ich wie elektrisiert; der Fokus darin liegt genau auf dieser Frage. Und ich behaupte:

An ihr kommt keiner vorbei, außer Aristoteles.

Zugegeben, der Satz erinnert verd√§chtig an den Spruch √ľber den legend√§ren Fu√üballer Reinhard „Stan“ Libuda: An Gott kommt keiner vorbei, au√üer Stan Libuda.¬†Aber lassen wir einmal die (Fu√üball-)G√∂tter aus dem Spiel. Wer ab und zu dar√ľber nachdenkt, ob er ein gutes Leben f√ľhrt, muss sich irgendwann diesem Selbsttest unterziehen: Bin ich zu ehrgeizig, zu gierig oder – ganz im Gegenteil – zu passiv, zu bescheiden?

Wieso Aristoteles? In seiner¬†Nikomachischen Ethik¬†r√§t er uns, die Extreme zu vermeiden und immer wieder nach der „richtigen Mitte“ zu streben. So sieht er beispielsweise die Tugend der Tapferkeit in der Mitte zwischen den beiden Extremen Tollk√ľhnheit und Feigheit. Ein solcher Denkansatz ist zweifellos eine wertvolle Hilfe beim besagten Selbsttest.

Und was ist gemeint mit¬†Philosophie des¬†Projekts? Jeder, der Projekte macht, wei√ü, dass es dabei um das Erreichen eines einmaligen Ziels geht: Gesellen- oder Meisterbrief, Bachelor- oder Doktorgrad, das eigene Haus, die eigene Firma. Da werden keine Angsthasen oder Schlafm√ľtzen gebraucht und ebenso wenig Phantasten oder Rambo-Typen.¬†In Projektherz¬†habe ich die vier Projektarchetypen vorgestellt:

 

 

Dass Aristoteles ein Adler war, liegt auf der Hand. Wo aber sehen Sie in der obigen Vierfelder-Tafel Nietzsche, Schopenhauer, Byung-Chul Han oder Henry David Thoreau? Sie alle kommen vor im neuen Heft des Philosophie Magazins. Und weiter: Wo verorten Sie Dädalus und Ikarus, Ihren Chef, Ihren Partner, sich selbst?

Das ist Ihr Freizeitjob f√ľr heute Abend 😎.

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Immer mehr Studierende, immer weniger Azubis – was ist Ursache, was ist Wirkung?

Wenn Sie in der frisch √ľberarbeiteten Blogroll (rechte Spalte, oben) auf „DIHK“ klicken, sto√üen Sie auf einen Artikel vom 28.07.2017, der eine Reihe von aktuellen Informationen bez√ľglich¬†Akademisierungswahn, Azubi- und Fachkr√§ftemangel enth√§lt.

Insbesondere wird der stellvertretende DIHK-Hauptgesch√§ftsf√ľhrer Achim Dercks erw√§hnt, der sich gegen falsche Schlussfolgerungen aus einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung wehrt:

„Die in der Untersuchung genannten Zahlen stimmen (…). Der erhobene Vorwurf, Unternehmen w√ľrden durch zu wenig Ausbildung Fachkr√§ftemangel selbst verschulden, ist hingegen unhaltbar“, so Dercks. „Hier werden Ursache und Wirkung gr√ľndlich verkehrt.“

Dass Herr Dercks dagegenhält, wenn man die Schuld am numerischen Ungleichgewicht Azubis/Studierende den Ausbildungsbetrieben zuschiebt, finde ich völlig in Ordnung. Aber vielleicht ist das Problem nicht ein Verwechseln von Ursache und Wirkung, sondern die reflexhafte Suche nach einem kausalen Zusammenhang Рdort, wo es ihn gar nicht gibt.

Anders gesagt: Wir haben mehrere Symptome, aber die Krankheitsursache liegt woanders.

Hier sind meine Thesen und Vorschläge zum gesamten Themenkomplex:

These 1:

Die Aktie Abitur ist total √ľberbewertet – k√ľnstlich aufpoliertes¬†Image¬†bei¬†permanentem Niveauverlust. Ohne z√ľgige, drastische¬†Ma√ünahmen¬†wird es irgendwann auf dem¬†Bildungs- und¬†Arbeitsmarkt¬†zum Crash kommen.

These 2:

Die Schulabg√§nger werden im Schnitt immer √§lter und weltfremder. Viele Abiturienten sind weder motiviert noch geeignet f√ľr eine¬†Berufsausbildung; aus Verlegenheit beginnen sie ein Studium, f√ľr welches ihnen erst recht die Kompetenzen fehlen. Die Zahl der Azubis sinkt, die der Studierenden steigt.

Und nun zur Kernfrage: Immer mehr Studierende und Studienabbrecher, immer weniger Azubis und Fachkräfte Рwas ist Ursache, was ist Wirkung?

In der Statistik spricht man von Korrelation, wenn zwei Ereignisse häufig gemeinsam auftreten. Dass hierbei das eine die Ursache und das andere die Wirkung ist, kann sein, aber es muss nicht sein. Beispiel grippaler Infekt: Der Schnupfen ist nicht die Folge des Hustens oder umgekehrt. Der gemeinsame Grund beider Symptome ist die Infizierung des Organismus.

These 3:

Die Pervertierung des Abiturs (siehe These 1) ist die Wurzel beider Übel: Akademisierungswahn und Niedergang der dualen Ausbildung.

Lösungsvorschlag:

(a) Das Abitur ist in Zukunft nicht mehr Eintrittskarte zur Uni,
sondern lediglich höherer Schulabschluss.

(b) K√ľnftige Voraussetzung f√ľr ein Hochschulstudium:
(Fach-)Abitur plus Gesellenbrief bzw. IHK-Abschluss.

< Zusätzliche Möglichkeit: duales Studium >

Die hierbei angestrebten Ziele:

  • nachlassende Glorifizierung des Abiturs
  • weniger Langzeitsch√ľler und Studienabbrecher
  • mehr Motivation, Bodenhaftung und Kompetenz –
    an Schulen/Hochschulen und ebenso in den Betrieben.

 

Im √úbrigen bin ich der Meinung, dass alle 16 deutschen Landesministerien f√ľr Schule abgeschafft werden m√ľssen.

3 Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Milde Gaben, gilbe Maden

Wieviel ist 1 Prozent von 20.000 Euro?¬†200 Euro, richtig. Angenommen, der Fu√üballer Mats Hummels hat ein Netto-Einkommen von circa 20.000 Euro. Pro Tag. Dann sind es circa 200 Euro, die Herr Hummels ab sofort jeden Tag f√ľr wohlt√§tige Zwecke spenden will.¬†Seinen Entschluss hat er gerade der Welt per Twitter mitgeteilt¬†und auch begr√ľndet:

„Ich habe das Gef√ľhl, dass wir mehr machen k√∂nnen, um die steigenden Ertr√§ge im Fu√üball mit einem tieferen Sinn zu verbinden“.

Einige werden nun sagen, der tiefere Sinn dieser Fußballer-Aktion sei,

  • sich bei Millionen zahlender Fu√üballnarren einzuschmeicheln und
  • nebenbei das eigene Gewissen zu beruhigen.

Aber das sagen Leute, die so etwas noch nie erlebt haben: Pl√∂tzlich mit nur 19.800 Piepen am Tag auskommen zu m√ľssen statt mit 20.000. Ein Symptom unserer Neidgesellschaft¬†– arme Spie√üer, gelb vor Neid, die selbst heimlich spenden und sich dann dar√ľber aufregen, dass ein sympathischer Multimillion√§r ganz offen √ľber sein Ein-Prozent-Almosen spricht.

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen