EU und Euro sind ziemlich tot, es lebe die Bundesrepublik Mitteleuropa

Machen wir uns nichts vor, so wird das nie etwas mit Europa: Ein ca. 60 Jahre alter Kegelclub „Europ√§ische Union (EU)„, 27 Mitglieder, von denen sich einige vor etwa zehn Jahren zu einem zus√§tzlichen Club „Eurozone“ zusammengeschlossen haben – dieser konkurrierende Club hat inzwischen 17 Mitglieder, weitere haben sich angemeldet.

Die Clubmitglieder machen der Welt und vor allem sich selbst vor, sie seien eine Familie, aber sie sind es nicht. Sie alle wollen nur kegeln, ein paar mal im Jahr bei ihren „Familien“-Treffen. Wenn bei dem Griechen AIDS diagnostiziert wird, ist er f√ľr die anderen letztlich nur ein Kegelbruder, kein echter Bruder. Man hat Angst, sich anzustecken, man geht auf Distanz.

Merkel zittert, Sch√§uble auch, aber sie zeigen es nicht so. R√∂sler zittert am meisten, denn f√ľr ihn geht es nicht nur um die beiden Gro√üclubs, sondern um Kopf und Kragen. Keine Zeit und keine Kraft f√ľrs Kegeln.

Apropos Kegeln. Als der Club „Eurozone“ gegr√ľndet wurde, von Helmut Kohl und einigen anderen, legte man sich ruckzuck auf eine Scherenbahn fest (nat√ľrlich gibt es im alten EU-Club weiterhin auch Bowling- und Classicbahnen). Alles wurde genau festgelegt – die Ma√üe der Bahn, der Durchmesser der Kugeln … nur an eins hatte man nicht gedacht: Was passiert, wenn ein Kegler nicht nur knapp daneben wirft, sondern seine Kugel v√∂llig au√üer Kontrolle ger√§t, Richtung Kronleuchter zum Beispiel. Nun gehen nach und nach die Lichter aus, Kurzschluss, kein Strom mehr. Und jetzt erst f√§ngt man an, Pl√§ne f√ľr einen Sicherungskasten zu entwerfen. Im Dunkeln. Leute, so wird das nie etwas. Das „Projekt“ Europa ist nicht nur krank, es ist ziemlich tot.

Denkfehler Nr. 1: „Projekt Europa“. Europa ist ein Kontinent, kein Projekt. Keine klar definierten Ziele, keine Feasibility Study oder Pilotanwendung, keine nennenswerte Risikoanalyse, kein Scope Management. Nur ein paar lustige Ideen von fr√∂hlichen Keglern. Herausgekommen sind zwei Kegelclubs.

Denkfehler Nr. 2: Einfach immer weiter wurschteln, der Herrgott wird’s schon richten.¬†„Europa ist wie ein Fahrrad“, hat Jaques Delors einmal gesagt, „h√§lt man es an, f√§llt es um.‚Äú¬†Aber was ist, wenn es in die falsche Richtung l√§uft? Macht es dann Sinn weiterzufahren, koste es, was es wolle? Und wenn 17 oder 27 Leute auf einem Tandem sitzen, wobei das Ding nicht mal ordentliche Bremsen hat, was dann? Ich behaupte: Nicht dass wir jetzt Riesenprobleme mit dem Euro haben, ist erstaunlich; erstaunlich ist, dass es so lange einigerma√üen geklappt hat. Denn f√ľr eine einheitliche W√§hrung brauchst du einen Staat, wobei dies – siehe USA – ein Bundesstaat sein kann. Und mit einem Kegelclub ist kein Staat zu machen.

Denkfehler Nr. 3: Je gr√∂√üer, je lieber. Das Gegenteil ist der Fall: Je weniger Gr√ľndungsmitglieder du in einem Verein oder einer GmbH hast, desto gr√∂√üer ist die Chance, dass der Laden nicht kurz- oder mittelfristig Pleite macht. Laotse hat das vor √ľber zweieinhalbtausend Jahren allen Firmengr√ľndern ins Stammbuch geschrieben:

Zu groß Gewordenes fällt stets dem Niedergang anheim.

Was mir f√ľr Europa vorschwebt, ist ein v√∂lliger Neuanfang. Das Ziel: eine Bundesrepublik Mitteleuropa, ein Bundesstaat FRCE (Federal Republic of Central Europe) – ein Staat, ein Regierung, eine W√§hrung, eine Amtssprache, eine Armee, ein einheitliches Finanz-, Steuer- und Bildungssystem. Gr√ľndungsmitglieder: Benelux, D√§nemark, Deutschland,¬†Frankreich, √Ėsterreich, Polen, Slowakei, Tschechien, Ungarn. Und die Hauptstadt kann nicht Br√ľssel hei√üen – das w√§re kein Neuanfang. Vielleicht w√§re Prag eine gute Wahl, oder Genf – um die Schweiz mit ins Boot zu nehmen ;-).

Ich denke, diese neue Republik k√∂nnte ein gutes Vaterland f√ľr k√ľnftige Generationen werden, f√ľr 250 Millionen Menschen in Mitteleuropa. Was meinen Sie?

This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen


2 Kommentare

  1. Heinrich —   22. September 2011, 11:30 Uhr

    Was passiert mit Staaten wie Spanien, Italien, Griechenland und England? Es klingt so, dass durch die Gr√ľndung der FRCE (und wegfall der EU) eben genannte Staaten ihrem Alleingang/Untergang verschrieben werden m√ľssten. Aber: Ist es nicht unsere moralische Pflicht der Menschheit, nach einer gro√üen Einheit zu streben und eben jene L√§nder nicht ihrem ungewissen Schicksal zu √ľberlassen? Die EU mag kein Projekt mehr sein, aber vielleicht menschlicher als die FRCE…

  2. B. M. Scheurer —   25. September 2011, 12:53 Uhr

    Hallo Heinrich,

    offensichtlich ist bei dir einiges von meinem Artikel anders angekommen als es von mir gedacht war, das tut mir Leid. Zum einen pl√§diere ich nicht f√ľr einen „Wegfall der EU“ – die EU sollte es m. E. noch lange geben, und ich k√∂nnte mir f√ľr die kommenden Jahre die Aufnahme zus√§tzlicher Mitglieder in diese Interessengemeinschaft gut vorstellen. Das hei√üt, mir geht es √ľberhaupt nicht um Ausgrenzung beim Thema EU.

    Ein ganz anderes Thema ist die gemeinsame W√§hrung, also die Eurozone. Schon das Beispiel Gro√übritannien zeigt, dass es hier um einen anderen „Club“ geht, zu dem nicht alle EU-Mitglieder geh√∂ren und einige (siehe GB) auch nicht geh√∂ren wollen! Denn hier geht es um gemeinsame Verantwortung, Haftung, Verbindlichkeiten; es ist eher eine Firma, kein (Kegel)club – diese Metapher hatte ich bewusst gew√§hlt, und dazu stehe ich.

    Wenn du nun mal nach S√ľdamerika oder Asien schaust, stellst du fest: Es gibt dort Staaten-Gemeinschaften, die mit der EU vergleichbar sind, jedoch gab es nie das h√∂chst anspruchsvolle und riskante Projekt einer gemeinsame W√§hrung, beispielsweise eines Latin-Dollars f√ľr S√ľdamerika. Selbst Kanada hat eine andere W√§hrung als die USA, und ich frage dich: Sind die Kanadier deshalb dem „Alleingang/Untergang“ geweiht? Hat man sie einem „ungewissen Schicksal √ľberlassen“?

    Au√üer von dir habe ich einige weitere kritische R√ľckmeldungen und Fragen zu meinem Artikel bekommen, deshalb werde ich in K√ľrze in einem weiteren Artikel ein angepasstes Modell f√ľr einen europ√§ischen Bundesstaat vorstellen.

    Viele Gr√ľ√üe
    Bernhard

Schreiben Sie einen Kommentar.

Bitte einloggen