Immer mehr Studierende, immer weniger Azubis – was ist Ursache, was ist Wirkung?

Wenn Sie in der frisch √ľberarbeiteten Blogroll (rechte Spalte, oben) auf „DIHK“ klicken, sto√üen Sie auf einen Artikel vom 28.07.2017, der eine Reihe von aktuellen Informationen bez√ľglich¬†Akademisierungswahn, Azubi- und Fachkr√§ftemangel enth√§lt.

Insbesondere wird der stellvertretende DIHK-Hauptgesch√§ftsf√ľhrer Achim Dercks erw√§hnt, der sich gegen falsche Schlussfolgerungen aus einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung wehrt:

„Die in der Untersuchung genannten Zahlen stimmen (…). Der erhobene Vorwurf, Unternehmen w√ľrden durch zu wenig Ausbildung Fachkr√§ftemangel selbst verschulden, ist hingegen unhaltbar“, so Dercks. „Hier werden Ursache und Wirkung gr√ľndlich verkehrt.“

Dass Herr Dercks dagegenhält, wenn man die Schuld am numerischen Ungleichgewicht Azubis/Studierende den Ausbildungsbetrieben zuschiebt, finde ich völlig in Ordnung. Aber vielleicht ist das Problem nicht ein Verwechseln von Ursache und Wirkung, sondern die reflexhafte Suche nach einem kausalen Zusammenhang Рdort, wo es ihn gar nicht gibt.

Anders gesagt: Wir haben mehrere Symptome, aber die Krankheitsursache liegt woanders.

Hier sind meine Thesen und Vorschläge zum gesamten Themenkomplex:

These 1:

Die Aktie Abitur ist total √ľberbewertet – k√ľnstlich aufpoliertes¬†Image¬†bei¬†permanentem Niveauverlust. Ohne z√ľgige, drastische¬†Ma√ünahmen¬†wird es irgendwann auf dem¬†Bildungs- und¬†Arbeitsmarkt¬†zum Crash kommen.

These 2:

Die Schulabg√§nger werden im Schnitt immer √§lter und weltfremder. Viele Abiturienten sind weder motiviert noch geeignet f√ľr eine¬†Berufsausbildung; aus Verlegenheit beginnen sie ein Studium, f√ľr welches ihnen erst recht die Kompetenzen fehlen. Die Zahl der Azubis sinkt, die der Studierenden steigt.

Und nun zur Kernfrage: Immer mehr Studierende und Studienabbrecher, immer weniger Azubis und Fachkräfte Рwas ist Ursache, was ist Wirkung?

In der Statistik spricht man von Korrelation, wenn zwei Ereignisse häufig gemeinsam auftreten. Dass hierbei das eine die Ursache und das andere die Wirkung ist, kann sein, aber es muss nicht sein. Beispiel grippaler Infekt: Der Schnupfen ist nicht die Folge des Hustens oder umgekehrt. Der gemeinsame Grund beider Symptome ist die Infizierung des Organismus.

These 3:

Die Pervertierung des Abiturs (siehe These 1) ist die Wurzel beider Übel: Akademisierungswahn und Niedergang der dualen Ausbildung.

Lösungsvorschlag:

(a) Das Abitur ist in Zukunft nicht mehr Eintrittskarte zur Uni,
sondern lediglich höherer Schulabschluss.

(b) K√ľnftige Voraussetzung f√ľr ein Hochschulstudium:
(Fach-)Abitur plus Gesellenbrief bzw. IHK-Abschluss.

< Zusätzliche Möglichkeit: duales Studium >

Die hierbei angestrebten Ziele:

  • nachlassende Glorifizierung des Abiturs
  • weniger Langzeitsch√ľler und Studienabbrecher
  • mehr Motivation, Bodenhaftung und Kompetenz –
    an Schulen/Hochschulen und ebenso in den Betrieben.

 

Im √úbrigen bin ich der Meinung, dass alle 16 deutschen Landesministerien f√ľr Schule abgeschafft werden m√ľssen.

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3 Kommentare

  1. Markus —   23. August 2017, 13:46 Uhr

    Lieber Bernhard,

    ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich Deiner Argumentation folgen kann, denn die Welt ist, so nehme ich es wahr, viel schnelllebiger und vielseitiger geworden. Und darin sind wir uns einig: Es darf nicht alles nur auf reiner Akademisierung beruhen. Es darf nicht alles nur auf einen Abschluss (dem ABITUR) hinauslaufen.

    Und es gibt ihn ja schon den K√∂nigsweg, verhelfen wir ihm doch zu mehr Popularit√§t! Auf dass mehr Sch√ľler und Sch√ľlerinnen in ihrem Umweg eine Chance erkennen und diese nutzen: Vom Praktikum zum Ausbildungsbetrieb und dann vielleicht zum Studium oder zur Selbstst√§ndigkeit.

    Bleiben wir doch konservativ und helfen wir, dass es sich langsam in eine gute Richtung entwickelt.

    Dein Markus

  2. Paul —   24. August 2017, 00:15 Uhr

    Gef√ľhlt besuchen viel zu viele die Uni um des Studierens willen. Oft werden gleich mehrere Studieng√§nge „ausprobiert“, ohne eine Berufung zu finden. Hier ist mehr Zielwasser n√∂tig. Zuvor gemachte praktische Erfahrungen sind unabdingbar, um die Vorz√ľge des Studiums voll wertsch√§tzen und f√ľr sich nutzen zu k√∂nnen. Dementsprechend ist auch die Grundmotivation eine andere und sie ist ungleich h√∂her ausgepr√§gt. Weniger Abbrecher und daf√ľr mehr zielgerichtete Studenten braucht unsere Gesellschaft.

  3. Frank —   13. September 2017, 19:18 Uhr

    Hallo Bernhard,

    vielleicht ist in dem Zusammenhang auch die (richtige) Einf√ľhrung des zw√∂lfj√§hrigen Abiturs an den Gymnasien -bundesweit, gleiche Lehrpl√§ne – wieder sinnvoll. Wer studieren m√∂chte, sollte das auch schaffen. Die Klagen vieler Eltern deswegen sind meines Erachtens hausgemacht. Damit w√ľrde das Abitur eben wieder aufgewertet als das was es ist, n√§mlich die Erlangung der Studierf√§higkeit an einer Hochschule/Universit√§t.
    In der ehemaligen DDR gab es das schon(ideologischer M√ľll nat√ľrlich raus). Und wie sich 1990 gezeigt hat, war der Kenntnisstand der damaligen Abiturienten im BRD-Vergleich gar nicht so schlecht (vor allem in den Naturwissenschaften)

    Weiterhin basieren die Spitzenplätze bei Bildungsstudien der ostdeutschen Länder sicher auch auf diesem Erbe.

    Dein Frank

    PS: Damals war ein Witz im Osten weit verbreitet:
    „Warum dauert das Abitur im Westen 13 Jahre?“
    Antwort: „1 Jahr davon ist Schauspielunterricht!“ ūüôā

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