Deserteur Schulz

In meinem Artikel „Wahlkampf-Mathematik 2017“ vom 20. September hatte ich die Werte der Forsa-Prognose vom 19.9. in der folgenden Form visualisiert (die beiden Parteien CDU und CSU als schwarzer Block, die drei Parteien SPD, die Linke und die Gr√ľnen als roter Block):

 

(Anmerkung: Im schwarzen Block lauten die korrekten Werte 29,6% bzw. 6,4% statt 27,6 bzw. 8,4; siehe Korrektur-Vermerk vom 24.9. am Ende des oben genannten Artikels.)

Anschließend hatte ich folgende Prognosen gewagt:

  • F√ľr Schwarz-Gelb wird es nicht reichen (das sagen ohnehin die meisten).
  • Die schwarze S√§ule wird kleiner sein als in dem obigen Diagramm; insbesondere wird die CDU auf weniger als 27% kommen.
  • Die blaue S√§ule wird deutlich gr√∂√üer sein, dank Altmaier & Co.. Also: 13% f√ľr die AfD, plus/minus 3%.
  • Wenn die Roten und die Gelben sich nicht allzu leicht von den Schwarzen √ľber den Tisch ziehen bzw. sich gegeneinander ausspielen lassen, wird es in K√ľrze keine Kanzlerin Merkel mehr geben.

 

Inzwischen liegt das vorläufige Ergebnis der gestrigen Bundestagswahl vor. Wenn man die Zahlen auf die gleichen Weise visualisiert wie im obigen Diagramm, dann ergibt sich das folgende Bild:

 

Wie Sie sehen, waren meine Prognosen vom 20.9. ausnahmslos richtig.

Die Bundestagswahl 2017 hat dramatische Ver√§nderungen in der Gewichtsverteilung der politischen Parteien unseres Landes gebracht. Wenn man im Endergebnis-Diagramm die gr√ľnen Werte („Prozentuale Ver√§nderungen“) betrachtet, stellt man fest, im Vergleich zu 2013

  • hat die AfD ihren Stimmenanteil fast verdreifacht und damit ihren Einzug ins Bundesparlament geschafft
  • hat die FDP ihren Wert mehr als verdoppelt und ist nun ebenfalls wieder im Bundestag vertreten
  • musste der rote Block eine Verminderung um knapp 10% hinnehmen, w√§hrend
  • der schwarze Block die mit Abstand gr√∂√üten Verluste (ein Minus von mehr als 20%) verzeichnet; die CSU erzielte den schlechtesten Wert seit Bestehen der Bundesrepublik und √ľberwand nur mit M√ľhe die F√ľnf-Prozent-H√ľrde – ein Desaster f√ľr Angela Merkel, die Chefin des schwarzen Blocks.

Und was macht Martin Schulz? Der Mann der von Februar an bis vorgestern, also f√ľnf Monate lang, gesagt hat, er wolle Bundeskanzler werden, der F√ľhrer der SPD, der √§ltesten und traditionsreichsten deutschen Partei, geht vor die Kameras und verk√ľndet: Die SPD geht in die Opposition. Um es mit den Worten von Wolfgang Kubicki zu sagen: Die SPD macht sich vom Acker.

Was ist das denn? Beschränktheit? Feigheit?

Die Kanzlerin erleidet eine vernichtende Niederlage, und der SPD-Chef, der jetzt Kanzler werden k√∂nnte (siehe oben: Rot plus Gelb), der nicht Mitglied der abgew√§hlten Regierung war und die historische Chance f√ľr einen Neuanfang in Deutschland h√§tte, sagt: Wir haben verloren. Er desertiert.

Lindner kann’s nicht glauben, Kubicki nicht, G√∂ring-Eckardt und √Ėzdemir sind verdattert. Ich auch.

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3 Kommentare

  1. J√∂rn Kampmann —   11. Oktober 2017, 18:51 Uhr

    Lieber Bernd, deine Kreativität und dein Optimismus in Sachen Regierungsbildung in allen Ehren, aber eine gemeinsame Regierung mit FDP und Linken erscheint mir ausschließlich mathematisch denkbar. Bislang war die Linke ja nicht
    mal in der Lage, sich mit SPD und Gr√ľnen auf Bundesebene zu verst√§ndigen – nach meiner pers√∂hnlichen Meinung im √ľbrigen aus gutem Grund, aber da gibt es ja innerhalb der SPD
    bekanntlich unterschiedliche Auffassungen…

    Ich bin schon sehr interessiert, wie die Kanzlerin Gr√ľne, FDP und CSU unter einen Hut bringen m√∂chte. Aber auch nur ein Minimalkonsenz zwischen Lindner und Wagenknecht √ľbersteigt die Grenzen meiner Vorstellungskraft.

    Du hast recht: Merkel hat eine vernichtende Niederlage erlitten und ich finde irritierend, wie wenig sie das zu st√∂ren scheint. Wenn sich der Schock gelegt hat, wird es irgendwann in der CDU auch zu ernsthaften Diskussionen dar√ľber kommen. Das kann bei der Beh√§bigkeit dieser Partei aber wahrscheinlich etwas dauern. Und wenn der JU-Vorsitzende schon den blassen Kandidaten Althusmann als Zukunftshoffnung sieht, seh ich dem Ergebnis dieser Diskussion gelassen entgegen.

    Fakt ist aber auch – und dann bin ich anderer Meinung als du – dass die SPD, obwohl wir 4 Jahre im wesentlichen durchsetzen konnten, was wir versprochen haben, ebenfalls eine Klatsche bekommen hat. Bedenke, von welchem Niveau wir gekommen sind. Das Bundesergebnis entspricht etwa dem Ergebnis in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Das sagt alles! Wir tuen m.E. sehr
    gut daran, in die Opposition zu gehen, um uns neu aufzustellen und ein politische Gegenkonzept zur Union zu entwickeln und anzubieten. Das ist nach der ersten GroKo mit Steinmeier versäumt worden. Da hatte man den Eindruck, die SPD wartet halt einfach ab, bis sie wieder (mit-)regieren darf. Wir waren zu brav und eben keine Alternative. Die Wahlergebnisse
    von 2009, 2013 und 2017 sind daf√ľr die Quittung. Wir sollten den Fehler nicht wiederholen, damit sich 2021 in diese Jahresfolge nicht einreiht.

  2. Alois —   15. Oktober 2017, 23:03 Uhr

    Der SPD läuft ja vor allem die Arbeiterschaft weg und in der Regel geradezu zur AfD. Das tut sie nicht, weil sie erwartet, dass die AfD ihre Probleme löst, sondern weil ihre Anliegen in der SPD nicht mehr gehört werden. Dort haben nämlich inzwischen die Sozialpädagogen, Lehrer und die GEW das Sagen, die die Arbeitswelt in Betrieben nie kennengelernt haben.
    Man kann in NRW, besonders im Ruhrgebiet, sehen wie Regionen regelrecht verkommen, wenn die SPD ihre linken Projekte verwirklicht, ganz anders als in Bayern z.B., wo die SPD bei 20 % Freudent√§nze auff√ľhren wurde.
    Fakt ist doch, dass der rote Block seine Mehrheit verloren hat, die er in der letzten Periode noch hatte. Und das ist gut f√ľr Deutschland, finde ich.

  3. Bernhard M. Scheurer —   16. Oktober 2017, 13:48 Uhr

    @Alois
    Dass der SPD viele Arbeiter davongelaufen sind und viele davon Richtung AfD, ist absolut richtig. Aber zum einen sinkt der Anteil der Arbeiter an der Gesamtbev√∂lkerung stetig, d. h. ich w√ľnsche mir von einer Partei der sozialen Gerechtigkeit auch mehr Unterst√ľtzung der kleinen Handwerksbetriebe, Kneipen, Buchh√§ndler etc. gegen Giganten wie Amazon. Zum anderen denke ich, dass die AfD unserer Noch-Kanzlerin viel mehr zu verdanken hat als der SPD.
    Und was das Block-Denken anbelangt: Ich finde – wie in meinem Artikel dokumentiert – die grunds√§tzliche Bereitschaft zu Koalitionen und Kompromissen enorm wichtig in einer Demokratie. Interessant ist ja der Ausgang der gestrigen Niedersachsenwahl. Dort zeigt die SPD, dass sie zumindest regional wieder Volkspartei sein kann – und zugleich droht eine Jamaika-Koalition der Verlierer, weil diesmal die FDP sich gegen√ľber Rot-Gr√ľn verweigert. Genau dieses Verhalten aber hatte Herr Kubicki bei „Deserteur“ Schulz kritisiert.

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