Der gefesselte Springer

Buchtipp: „Autonomie” von Beate Rössler

 

 

 

 

Beate Rössler
Autonomie – Ein Versuch ĂŒber das gelungene Leben
Suhrkamp, 2017, 443 Seiten
ISBN: 978-3-518-58698-3
Auch als eBook erhÀltlich

 

Im Schachspiel spricht man von „Fesselung”, wenn eine Figur, beispielsweise ein Springer, nicht bewegt werden kann, da sonst der dahinterstehende König ins Schach geriete. Wer sich ein wenig mit Schach auskennt, weiß: Solange ein gefesselter Springer nicht befreit wird, ist die Anzahl der möglichen weiteren Aktionen enorm reduziert. Es kann der Anfang vom Ende sein – vom Ende einer gelungenen Partie.

Das „gelungene Leben” im Untertitel von Rösslers neuem Buch hat mich neugierig gemacht. Autonomie, Selbstbestimmung, Freiheit – das sind Themen, die man auf politisch-gesellschaftlicher oder psychologischer Ebene abhandeln kann. Aber Beate Rössler ist Philosophin, sie setzt sich vor allem mit der Frage auseinander: Was sind die Wechselwirkungen zwischen Autonomie und GlĂŒck, Erfolg, Sinn des Lebens?

ZunĂ€chst einmal strebt sie eine klare Abgrenzung der Begriffe an: Wann lĂ€sst sich ein Leben als glĂŒcklich bezeichnen? Was ist demgegenĂŒber ein gutes / sinnvolles / gelingendes Leben? Absolut ĂŒberzeugt hat mich Rösslers logische Kette (S. 96 oben):

Man kann ein sinnvolles Leben leben, ohne glĂŒcklich zu sein; aber nicht, ohne selbstbestimmt zu sein.

Wie ein roter Faden zieht sich diese Kernthese durchs ganze Buch: Autonomie „als notwendige Bedingung des gelungenen Lebens, nicht jedoch als hinreichende”.

Die Autorin zitiert – das ist eine der StĂ€rken des Buchs – immer wieder andere Philosophinnen, Philosophen oder auch Romanciers, um die unterschiedlichen Standpunkte zu diesen Begriffen herauszuarbeiten. Da findet man Kleinode wie etwa die Sentenz Platos ĂŒber Selbsterkenntnis und SelbsttĂ€uschung (S. 133):

Denn von sich selbst getĂ€uscht zu werden, ist doch das AllerĂ€rgste. Denn wenn der BetrĂŒger nicht auf ein Weilchen sich entfernt, sondern immer bei der Hand ist, wie sollte das nicht schrecklich sein?

Hat das Buch auch SchwĂ€chen? Ja, eine kleine und verzeihliche. Beate Rössler sagt in ihrem Vorwort, sie habe versucht, so zu schreiben, dass der Text sich auch jemandem erschließt, der nicht Philosophie studiert hat. Und dann: „… dies ist mir in einigen Kapiteln (…) gewiss besser gelungen als in anderen”. So ist es. Statt umstĂ€ndlichem Fachjargon ab und zu einfache und klare Worte – das hĂ€tte der Botschaft mehr Durchschlagskraft verliehen.

Insgesamt jedoch hat die Autorin zum komplexen Thema „Autonomie” ein umfangreiches, ja grundlegendes Werk vorgelegt. Gleich im zweiten Kapitel beschĂ€ftigt sie sich mit den unvermeidlichen Ambivalenzen im Leben, danach mit Selbstbeobachtung, Blogging und Quantified Self. In den letzten Kapiteln geht es um das private Leben, um soziale Rahmenbedingungen fĂŒr Autonomie und dann zusammenfassend nochmals um Moral, Verantwortung und das „gelungene Leben”.

Ein besonderer Gewinn waren fĂŒr mich – wen wundert’s? – die Passagen ĂŒber den Zusammenhang zwischen Autonomie und Projekten. Auf Seite 121 z. B. heißt es:

(…) selbstverstĂ€ndlicher Teil unserer Projekte wird es zumeist sein, dass wir andere Personen respektieren, sie fĂŒr unsere Ziele nicht allein als Mittel gebrauchen, zumal wir die meisten unserer Projekte ohnehin (…) gemeinsam mit anderen verfolgen.

Ich bin sicher, auch Ihnen wird dieses Buch neue Sichtweisen und praktischen Nutzen bringen. Als Appetizer empfehle ich das Video „Wie Freiheit gelingt” aus der SRF-Reihe „Sternstunde Philosophie”.

——————————————————————————————————-

Weitere Buchtipps finden Sie hier.

——————————————————————————————————-

P. S.: In den letzten Wochen habe ich ĂŒberwiegend politische Ereignisse kommentiert. Es wurde also höchste Zeit, diesen Philosophie-Artikel zu schreiben. Allerdings kam mir dann, ohne dass ich es wollte, ĂŒber den gefesselten Springer die schlaue Schachspielerin Angela Merkel in den Sinn.

Und die Gegenspieler, die ihre Springer aus Versehen selbst fesseln statt mit ihnen die nur scheinbar ĂŒbermĂ€chtige Dame endlich aus dem Spiel zu nehmen. Politik ist nichts anderes als angewandte Philosophie, Logik und Strategie. Es gilt der Spruch des Politikers Perikles:

Das Geheimnis des GlĂŒcks ist die Freiheit,
deren Geheimnis aber ist der Mut.

FĂŒr Nicht-Schachspieler: Der Springer ist die einzige Figur, die nicht linear „denkt”, sondern Haken schlĂ€gt. Deshalb kann er die Dame angreifen, ohne dass sie selbst ihn im Gegenzug schlagen kann. Als Junge habe ich all das von meinem Vater gelernt. Er war ein ausgezeichneter Schachspieler. Bei ihm standen die Pferdchen nie lange im Stall und waren selten gefesselt. Keine BrauereigĂ€ule, keine Dressurpferde, eher Mustangs. Immer in Bewegung.

 

Bild-Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chess_piece_-_Black_knight.JPG?uselang=de, MichaelMaggs
This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen


1 Kommentar

  1. Heinrich Derksen —   27. November 2017, 20:51 Uhr

    Hallo Bernd,

    sehr inspirierender Eintrag von Dir bzw. er macht Lust, sich mehr mit dem Thema oder dem Buch zu beschĂ€ftigen. Spontan kommt mir als Informatiker der Gedanke, dass schon in der nahen Zukunft, wo immer mehr Prozesse automatisiert werden oder Entscheidungsgewalten an eine „KI“ ĂŒbergeben werden, der Mensch an Autonomie verlieren wird. Wenn durch lauter Automatisierung der Springer das Springen verliert, dann… Oje, jetzt wirds philosophisch 😉

Schreiben Sie einen Kommentar
Für Gäste
Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.