Blick in den R√ľckspiegel

Zwei Todesf√§lle in der Gro√üfamilie innerhalb weniger Tage – da kommen aus verschiedenen Ecken vielf√§ltige Erinnerungen an die Oberfl√§che des Bewusstseins. Es sind nicht nur sch√∂ne Dinge, an die du dich erinnerst. In die Trauer – vor allem die Trauer √ľber das Unwiederbringliche fr√∂hlicher Stunden – mischt sich hier und da nachwirkender √Ąrger √ľber erlittene Kr√§nkungen und dann das Bedauern √ľber Fehler, die du selbst gemacht hast. Jetzt ist es zu sp√§t, um noch irgendetwas zu kl√§ren oder um Verzeihung zu bitten.

Du blickst in den R√ľckspiegel. Du denkst nicht nur an die, die vor einigen Tagen gestorben sind, sondern an viele andere. An Menschen, die dir die liebsten waren und mit denen du nie mehr zusammen essen und trinken, reden, lachen und singen kannst.

  Looking back over my shoulder

Heute habe ich mir diesen Song, den ich sehr sch√§tze, noch einmal angeh√∂rt. Mehr als sonst haben mich diesmal Musik und Text ber√ľhrt.¬†But it’s enough to make a grown man cry …¬†Everyday, it’s a losing battle¬†Just to smile and hold my head up high …

In den R√ľckspiegel schaute wenige Jahre vor seinem Tod auch¬†Dilgo Khyentse, einer der bedeutendsten buddhistischen Meister des vorigen Jahrhunderts und¬†ehemaliger Lehrer des Dalai Lama, am Ende einer seiner Belehrungen. Sein Sch√ľler Sogyal Rinpoche hat die Szene f√ľr uns festgehalten*).

„Wir alle schauten auf zu diesem g√ľtig leuchtenden Berg von einem Mann, der gleichzeitig Gelehrter, Poet und Mystiker war … Er machte eine Pause und blickte in die Ferne:

Ich bin nun achtundsiebzig Jahre alt und habe in meinem Leben so viel gesehen. So viele junge Menschen sind gestorben, so viele Menschen in meinem Alter und so viele, die √§lter waren als ich. So viele Menschen, die an der Spitze standen, sind tief gefallen. So viele Menschen, die unten waren, sind an die Spitze aufgestiegen. So viele L√§nder haben sich ver√§ndert. Es hat soviel Aufruhr und Katastrophen gegeben, so viele Kriege und Seuchen (…) Und doch sind all diese Ver√§nderungen nicht wirklicher als ein Traum. Wenn du tief genug schaust, erkennst du, dass nichts dauerhaft und best√§ndig ist, nichts – nicht einmal das kleinste H√§rchen auf deinem K√∂rper. Und das ist keine blo√üe Theorie, sondern etwas, was du wirklich selbst erkennen und mit deinen eigenen Augen sehen kannst.‚ÄĚ

*) Das tibetische Buch vom Leben und Sterben, O. W. Barth Verlag, 1995, S. 42
Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dilgo_Khyence_rinpoche.jpg?uselang=de
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