Nach Auschwitz und nach Chemnitz: mehr Geschichtsunterricht

Gestern Abend feierte der WDR das 30j√§hrige Jubil√§um der Kabarett-Sendung Mitternachtsspitzen¬†(–> WDR-Video).¬†Bei ihrem Auftritt (1:00:22) erinnerte¬†Carolin Kebekus¬†¬†an ein anderes Jubil√§um: Seit 100 Jahren gibt es in Deutschland das Frauenwahlrecht. Und sie machte auf ihre kompromisslos-derbe Art deutlich: Der Kampf der Frauen f√ľr Selbstbestimmung und Gleichberechtigung ist noch lange nicht zu Ende.

Als Beispiel brachte sie den Streit um den Paragraphen 219a, wonach es √Ąrztinnen und √Ąrzten immer noch untersagt ist, auf ihrer Website √ľber Schwangerschaftsabbruch zu informieren. Kebekus griff in diesem Zusammenhang¬†Jens Spahn und den Papst frontal an und stellte die Frage:

Wieso soll ich mir als Frau von einem homosexuellen Gesundheitsminister oder von einem zölibatär lebenden Papst Ratschläge zur Schwangerschaft geben lassen?

Das ist so, als ob ein blinder Veganer mir erklärt,
wie mein Mettbrötchen auszusehen hat.

Ich frage mich, wie viele Jugendliche sich gestern diese Sendung angeschaut haben. Und ich frage mich, wie viele Sch√ľlerinnen und Sch√ľler an weiterf√ľhrenden Schulen in unserem Land dar√ľber informiert werden,

  • dass kurze Zeit nach Einf√ľhrung des Frauenwahlrechts, n√§mlich von 1933 bis 1945, alle Freiheitsrechte und demokratischen Strukturen in Deutschland systematisch von einem totalit√§ren Regime zerschlagen wurden
  • dass dieses Regime vielen Millionen Menschen in Europa und der ganzen Welt Tod, Folter, Krieg und Zerst√∂rung ¬†gebracht hat
  • wie es heute noch in Saudi-Arabien, Iran oder der T√ľrkei mit den Rechten der M√§dchen und Frauen aussieht
  • dass Demokratie und Freiheit t√§glich erk√§mpft beziehungsweise verteidigt werden m√ľssen – sei es in Saudi-Arabien, Deutschland oder den USA.

Die NRW-Regierung hat k√ľrzlich bekannt gegeben, dass es in Zukunft wesentlich mehr Unterrichtsstunden in den Schulen geben soll – in Mathematik, Naturwissenschaften und Englisch. Ich finde das prima. Aber wie sieht es aus mit Geschichte und Politik? Was lernen unsere Kinder aus der Katastrophe von Auschwitz vor mehr als siebzig Jahren und aus den erschreckenden Vorf√§llen in Chemnitz vor einer Woche?

Wie sollen Menschen aus der Geschichte lernen, wenn sie in der Schule zu wenig oder zu schlechten Geschichtsunterricht erleben? So wie ich vor etlichen Jahren als Sch√ľler eines K√∂lner Gymnasiums, wo wir jahrelang einen Deutschnationalen und ehemaligen Major der deutschen Wehrmacht als Geschichtslehrer ertragen mussten, der viele, viele Stunden √ľber die alten Germanen oder Kaiser Barbarossa referierte, aber nie, nie, nie √ľber die Gr√§ueltaten der Nazis.

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