Leise zieht durch mein Gem√ľt …

Buchtipp: „Gedichte f√ľrs Ged√§chtnis“ von Ulla Hahn (Hrsg.)

 

Dieses Buch weckt Erinnerungen an die Schulzeit. An die vielen Deutschstunden, in denen Gedichte „durchgenommen“ wurden – Schillers „B√ľrgschaft“, der „Knabe im Moor“ von Droste-H√ľlshoff oder Rilkes „Panther“.

Auch wenn das letztgenannte Gedicht mich als Junge schon stark beeindruckt hat, so empfand ich die Lyrik-Schulstunden doch meist als ziemlich öde, wie wohl die meisten meiner Klassenkameraden.

Der Lehrer „nahm durch“, was im Lehrplan stand. Aber er hat uns nie davon erz√§hlt, was f√ľr ein Mensch das war, von dem die betreffenden Verse stammen. In welcher Umgebung dieser Mensch lebte und aus welchem Anlass, in welcher Lebensphase er die Zeilen schrieb.

Genau das tut Ulla Hahn in dem wunderschönen bibliophilen Sammelband

Gedichte f√ľrs Ged√§chtnis
Zum Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen
Ausgewählt und kommentiert von Ulla Hahn
304 Seiten, DVA, 1. Auflage 1999

Nach jedem Gedicht gibt es einen klein gedruckten Kommentar mit oft bewegenden Berichten √ľber Liebe und Leid der Poetin oder des Poeten. √úber das Vagabunden-Leben des Adeligen Nikolaus Lenau zum Beispiel, der mehrfach versuchte, sich das Leben zu nehmen und im Wahnsinn endete. Oder √ľber den gro√üen Heinrich Heine, der so oft mit Selbstzweifeln k√§mpfte und schlie√ülich zum weltweit beliebtesten deutschen Dichter wurde.

Heine hat √ľbrigens – auch das erfahren wir von Ulla Hahn – nicht nur die beiden allgemein bekannten, lieblichen Strophen von „Leise zieht durch mein Gem√ľt“ geschrieben. Es gab noch eine dritte, witzig-derbe Strophe, die er selbst sp√§ter gestrichen hat. Nach den Versen

Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich la√ü sie gr√ľ√üen.

folgte urspr√ľnglich:

Fragt sie, was es Neues gibt,
Sag‘ ihr: gutes Wetter;
Fragt sie, wie es mir ergeht,
Sag‘: ich werde fetter.

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