Buchtipp: „Fliegende W√∂rter 2011“

(Meine Rezension vom 1.1.2011 zu: ‚ÄěFliegende W√∂rter 2011‚Äú, Daedalus, Postkartenkalender, herausgegeben von Andrea Grewe, Hiltrud Herbst und Doris Mendlewitsch; der Kalender ist ein sch√∂nes Beispiel f√ľr die Verkn√ľpfung von Handwerk und Inspiration)


Zauberhaft, ber√ľhrend, gro√üartig


Dieser literarische Postkartenkalender, der jedes Jahr mit einer neuen Auswahl von Gedichten in neuem Grafik-Gewand erscheint, ist mir inzwischen ans Herz gewachsen. Was hier so au√üergew√∂hnlich ist: Die kongeniale Verbindung von Sprache und Design. Jedes Blatt, jede Karte bringt eine neue √úberraschung, entf√ľhrt uns wieder in eine andere Welt, zu Erinnerungen an unsere Kindheit und Jugend, l√§sst unsere Seele Abstand vom grauen Alltag gewinnen. Besonders ber√ľhrt hat mich der „Abendseufzer“ von Jarno Pennanen*) mit der optisch hervorgehobenen winzigen Blattlaus, diese Mischung aus Bescheidenheit und Selbstgewissheit, Schlichtheit und biblischer Weisheit.

Es geht mir wie wahrscheinlich vielen anderen, die nach dem Schulabschluss Sprache fast ausschlie√ülich in Form von Prosa erleben oder allenfalls auf dramatische Weise bei einem Theaterbesuch: Die Poesie kommt zu kurz. Wann habe ich das letzte Mal ein Buch gekauft, in dem es nichts als Gedichte gibt? Ein Sonderband „Rilke“, schon sehr lange her … Da kommen die „Fliegenden W√∂rter“ gerade recht – eben nicht in der Form eines Lyrikbands oder eines Schullesebuchs, sondern als Sammlung von Postkarten – f√ľr jede Woche des neuen Jahres eine Karte mit einem Gedicht. Das ist nicht nur interessant und optisch anregend, es ist √§u√üerst praktisch – ich kann jederzeit meiner Tochter, meinem Freund oder Kollegen eine Freude machen, indem ich eine dieser Karten, versehen mit einem kleinen Gru√ü, verschicke. Ich finde, schon die Idee dieser besonderen Produktart verdient f√ľnf Sterne. Besonders aber die sorgf√§ltige Auswahl der Texte mit der gro√üen Streuung bez√ľglich der Epochen, Kulturkreise und Originalsprachen ist beeindruckend.

Ein gro√ües Lob also und ein herzliches Dankesch√∂n an die Herausgeberinnen Grewe, Herbst und Mendlewitsch, ebenso an die Designerinnen Caillard, Mekus, Clausing und Laoutoumi, die auf h√∂chst originelle und kunstvolle Weise den W√∂rtern der Dichterinnen und Dichter Fl√ľgel verliehen haben. Heute, am Neujahrstag 2011, f√§llt der Blick auf die neuen „Fliegenden W√∂rter“ an der Wand, einige der Karten werden ihren Weg zu meinen Freunden und Bekannten finden, und ich hoffe, es wird in den n√§chsten Jahren noch viele neue Kalender geben – mit neuen Anregungen, neuer Inspiration, Momenten der Vergn√ľgtheit, der Mu√üe und der Kontemplation.

*)

Abendseufzer

von Jarno Pennanen

EINEN AMEISEN-SCHRITT
TAT ICH HEUT AUF DEM PFAD MEINER SEELE,
EINE FICHTENNADEL SCHLEPPTE ICH HINTER MIR HER,
EINE
BLATTLAUS WAR MEINE BEUTE.
ABER MEIN TAG WAR VON ARBEIT UND DANK ERF√úLLT.

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