„Projektkompetenz“ an Schulen und Hochschulen: Etikettenschwindel oder nur ein Milliarden-Missverst√§ndnis?

 

Wer mit Gottes und Googles Hilfe im Internet nach „Projektkompetenz“ sucht, bekommt jede Menge Verweise auf Fachaufs√§tze und Beschreibungen. Bei Google sind es zur Zeit mehr als 20.000. In neun von zehn F√§llen sucht man vergebens nach einem Projekt.

Es geht meistens um Schule und Hochschule, wo Sch√ľler und Studierende ihre Methodenkompetenz, ihr¬†Sozial- und Arbeitsverhalten entwickeln sollen, im Rahmen von Programmen und Aktionen, die allesamt sinnvoll sein m√∂gen.¬†Mit echten Projekten hat das alles so viel zu tun wie ein Zitronenfalter mit dem Falten von Zitronen.

Wohlgemerkt: Den Studierenden, den Sch√ľlerinnen und Sch√ľlern sollen Skills vermittelt werden, welche man in ihrer Gesamtheit als „Projektkompetenz“ bezeichnet. Aber wer ist „man“? Ich nehme an, es sind die, die f√ľr die entsprechenden Kurse und Programme verantwortlich sind,¬†also Dozenten, Lehrerinnen und Lehrer, vielleicht auch Ministerialbeamte oder Fachleiter in Seminaren zur Lehrerausbildung – die „Lehrer der Lehrer“.

Letztere sind mit Vorsicht zu genie√üen, das ist meine pers√∂nliche Erfahrung, denn viele von ihnen sind nicht nur weit weg vom Berufsalltag, sie sind irgendwann auch weit weg von Sch√ľlerinnen und Sch√ľlern, die sie einmal in grauer Vorzeit selbst unterrichtet haben, mit mehr oder weniger Erfolg.

Ja, Sie liegen richtig mit Ihrer Vermutung: Ich ziehe die Projektkompetenz dieser Projektkompetenz-Definierer und -Lehrer in Zweifel. Lesen Sie einmal den folgenden Absatz aus einer Schrift des Berufsschullehrerverbands Baden-W√ľrttemberg („Projektkompetenz in der zweij√§hrigen Berufsfachschule„, 2006, Seite 6):

Projektkompetenz (Definition):
Situationsbezogene Fähigkeiten eines Individuums, mit Hilfe
eines strategischen Repertoires des Lernens, an Methoden und der
Kommunikation, unter Beachtung der Umweltbedingungen und der
eigenen Ressourcen, Sach-, Sozial- und Selbstkompetenzen
zu erwerben, um zu einem Handlungsprodukt zu gelangen.

 

So schreibt kein Ingenieur, keine Architektin, Filmregisseurin oder irgendjemand, der auch nur f√ľr ein paar Jahre im realen Projektgesch√§ft t√§tig ist und dort Dokumente erstellen muss, welche eindeutig, widerspruchsfrei und f√ľr alle Beteiligten lesbar sind. Andernfalls n√§mlich l√§uft man Gefahr, dass¬†das betreffende Vorhaben scheitert, und zwar nicht nur in der freien Wirtschaft.

Abgesehen davon, dass die obige Formulierung √ľberladen und holprig ist, haben Sie die Pointe begriffen? Nach dieser Definition ist Projektkompetenz eine Addition von F√§higkeiten, die einen Menschen bef√§higen, F√§higkeiten zu erwerben. Ja, Menschenskind, wann wird denn hier angefangen zu arbeiten? Wo ist das Projekt?

Ich sage Ihnen, wie Sie bei einem Text sehr schnell herausfinden können, ob er mit echten Projekten zu tun hat. Stellen Sie sich selbst die folgenden Fragen: Ist es ein einmaliges Vorhaben? Gibt es klare und messbare Projektziele? Sind Anfangs- und Endtermin eindeutig festgelegt? Wenn auch nur eine der drei Fragen nicht zweifelsfrei mit JA beantwortet werden kann, handelt es sich um ein Pseudo-Projekt.

Dass der Begriff der¬†Projektkompetenz seit Jahren im Bereich Schule/Hochschule so inflation√§r verwendet wird, finde ich nicht nur schade, ich¬†halte es auch f√ľr sehr gef√§hrlich. Auf diese Weise kann n√§mlich der irrige Eindruck entstehen: Wer im Rahmen eines Schulprojekts zusammen mit anderen etliche Internet-Recherchen durchgef√ľhrt, Multiple-Choice-B√∂gen ausgef√ľllt und p√ľnktlich seine Powerpoint-Folien pr√§sentiert hat, ist fit f√ľrs Projektgesch√§ft. Es ist so, als ob jemand, der nur eine schriftliche Fahrpr√ľfung und einige Computer-Simulationsspiele absolviert hat, nun meint, er k√∂nne Auto fahren.

Das hat im Einzelfall fatale Folgen, die wir als Steuerzahler zu sp√ľren bekommen: Inkompetenz und Anma√üung bei Entscheidungstr√§gern in Politik, Industrie und im Bankwesen. Alle reden von Projekten, aber nur wenige haben eine wirklich originelle Idee, √ľbernehmen Verantwortung, analysieren Risiken, halten durch und erzielen innerhalb eines begrenzten Zeitraums greifbaren Nutzen.

Ich nehme an, unter den Autoren der zahlreichen Projektkompetenz-Publikationen wird kaum jemand sein, der bewusst Etikettenschwindel betreiben will. Aber in vielen F√§llen haben wir es mit einem¬†Euphemismus zu tun, der gut gemeint, jedoch schlecht getan ist. Das f√ľhrt zu Missverst√§ndnissen, die der Volkswirtschaft Schaden in Milliardenh√∂he zuf√ľgen.¬†Aus meiner Sicht k√∂nnte man Fehlinterpretationen bisweilen durch eine simple Ma√ünahme vermeiden: die Verwendung des Begriffs „Projektmethoden-Kompetenz“ anstelle von „Projektkompetenz“.

John Dewey, der gro√üe Verfechter der Projektmethode im Unterricht, den ich sehr verehre, hat uns zum Spannungsfeld Schule-Beruf und zum Thema „Bildung“ bereits im Jahr 1929 eine bemerkenswerte Stellungnahme geliefert:

Es ist¬†nicht meine Absicht, hier schlecht √ľber das College zu reden […] Doch hei√üt ein College zu absolvieren¬†nicht zwangsl√§ufig auch Bildung (education) zu erwerben, wenngleich beides oft miteinander¬†verwechselt wird. So […] kann ein Junge oder ein M√§dchen in einer Fabrik, einer Werkstatt¬†oder einem Laden durchaus Bildung ohne jeden Abschluss erwerben, sofern sie nur √ľber den n√∂tigen¬†Ehrgeiz verf√ľgen. Sie m√ľssen hart arbeiten […] Augen und Ohren offen halten […] und sich¬†t√§glich eine bestimmte Zeit f√ľrs Lesen reservieren. […] So erw√§chst ihnen Bildung aus dem unmittelbaren¬†Kontakt mit der Lebenswirklichkeit und nicht aus der blo√üen Lekt√ľre von B√ľchern.



7 Kommentare

  1. Walter Bosshard —   16. Juni 2011, 15:05 Uhr

    Lieber Bernd
    Es ist immer wieder ein Genuss, deinen Gedanken zu folgen. √Ąusserst am√ľsant fand ich beispielsweise, wie du den Zirkelschluss in der Definition zum Begriff „Projektkompetenz“ in der Schrift des Berufsschullehrerverbands Baden-W√ľrttemberg aufgedeckt hast. Einfach k√∂stlich!
    Du bist (sehr) hart in deinen Aussagen, zusammengefasst etwa: Ein Grossteil der Lehrer und Vermittler von Projektkompetenz an Schulen und Hochschulen ist hochgradig inkompetent. Warum? Weil sie selber keine Projekte leiten oder weil sie nur so tun, als ob sie mit ihren Z√∂glingen Projekte leiten w√ľrden oder weil sie sich auf das Dozieren von Projektmethoden beschr√§nken.
    Vermutlich hast du Recht mit deinem vernichtenden Urteil. Aber zum Gl√ľck nicht generell. Es gibt hervorragende Lehrer. Und du selbst bist Beweis daf√ľr. Du bist ein begnadeter Didaktiker, als Lehrer, Projekttrainer und als Buchautor. Vielleicht, weil du selber st√§ndig irgendwelche Projekte am Laufen hast, vielleicht, weil du erfrischend eigene und unkonventionelle Ideen entwickelst, vielleicht, weil du ein ausgesprochen ausgepr√§gter Projektmensch bist.
    Und ich kenne auch andere Lehrer, die aus meiner Sicht prima Projektmanagement lehren und mit ihren Sch√ľlern soweit im schulischen Kontext auch real ein√ľben. Klar, ich w√ľnschte mir mehr solche Lehrer.
    Aber ich gehe nicht soweit, dass ich behaupten w√ľrde, dass an Lehranstalten tats√§chlich Projektkompetenz erlangt werden kann (und folglich i.e.S. auch nicht gelehrt werden kann). Ich stimme dir vollumf√§nglich zu: Methodenkenntnis ist nicht gleichzusetzen mit Kompetenz. Wer weiss, muss nicht automatisch auch k√∂nnen. Kompetenz eignet man sich in der Praxis an, und die geht zudem √ľber die Anwendung von Projektmanagement-Methoden hinaus.
    Wollen wir also fair bleiben: An Schulen und Hochschulen kann das nicht (auch noch) geleistet werden, egal, wie gut die Lehrer sind.

    Und zum Schluss noch eine versöhnliche Note: Niemand mag Inkompetenz. Und doch sind wir alle zumeist inkompetent. Ich bin seit Jahrzehnten im Projektmanagement tätig. Ich lerne dazu, jeden Tag. Und doch Рich gebe es gerne zu Рbin ich nicht immer (ausreichend) kompetent. Zweierlei nehme ich mir vor:
    1) Meine Inkompetenz soweit möglich zu verringern,
    2) Meine verbleibende Inkompetenz kompetent zu kompensieren.

    Letzteres ist nat√ľrlich geklaut vom Philosophen Odo Marquard, der den wunderbaren Begriff „Inkompetenzkompensationskompetenz“ gepr√§gt hat.

  2. Happy —   9. Juni 2011, 19:47 Uhr

    Ich finde es nicht in Ordnung, wie in diesem Artikel Lehrer und Lehrer-Ausbilder „in die Ecke gestellt“ und als „projektinkompetent“ bezeichnet werden. Ich selbst unterrichte Technische Informatik an einem Berufskolleg und bilde inzwischen auch junge Nachwuchskr√§fte in diesem Fach aus. Zuvor war ich etliche Jahre in der freien Wirtschaft und speziell im Projektgesch√§ft t√§tig und wei√ü, dass ein Schulprojekt niemals 1 zu 1 die reale Projektwelt abbilden kann. Deshalb finde ich, man sollte die vielen Ans√§tze an Schulen und Hochschulen zum Thema „Projektkompetenz“ nicht pauschal herabw√ľrdigen.

  3. Peter Gottke —   8. Juni 2011, 18:24 Uhr

    Ja, ich gebe dir vollkommen Recht. Was da an den Schulen (und wohl auch unis herumschwirrt) an Projektmanagement, Zielorientierung, Wertsch√∂pfung, Evaluation, Qualit√§tsmanagement f√ľllt tonnenweise Ordner und kostet viel Zeit, die uns f√ľr Sch√ľlerinnen und Sch√ľler verloren geht. Dennoch glaube ich, dass wir auch voneinander lernen k√∂nnen – die schue von der Wirtschaft und umgekehrt – und das dieses Lernen √ľber ein reines Methodentrainig hinausgeht. Die Sichtweisen auf Ziele, auf die Dinge, die „produziert“ werden, auf die Menschen sind untzerschiedlich und k√∂nnten sich in den jeweiligen Projektfeldern durchaus gegenseitig befruchten, wenn denn die Unterschiedlichlkeit grunds√§tzlich anerkannt w√ľrde.
    Ich habe dich als positiv denkend und praktisch veranlagten Menschen kennen gelernt. deshalb w√ľnsche ich mir von dir neben der allgemeinen Schelte (die nat√ľrlich auch mal gut tut) praktische Beispiele vom Einsatz des Projektmanagement auch im p√§dagogischen Bereich. Die einzelne Klasse, der einzelne Sch√ľler an seiner Schule ist einmalig, es gibt ein lklares Ziel, es gibt ein Anfang und ein Ende. Vielleicht f√§ngt da ja schon das erste positie Beispiel an: Wenn ich als Lehrer jede Klasse, jeden Sch√ľler, jede Sch√ľler als ein neues und einmaliges Projekt ansehen w√ľrde!?
    Nochmals: mir geht es um „die Denke“ nicht um die Methoden!

  4. B. M. Scheurer —   6. Juni 2011, 04:02 Uhr

    @rincewind
    Ein √§u√üerst treffendes und aktuelles Beispiel f√ľr Projektinkompetenz im politischen Raum! Interessant auch die Summe des hierbei vergeudeten Geldes: knapp 41 Milliarden Euro :-(.

  5. rincewind —   5. Juni 2011, 19:36 Uhr

    Beim Lesen dieses hochinteressanten Artikels √ľber das Themengebiet Projekte und Projektkompetenz, erinnerte ich mich an folgende Tagesschau-Meldung von heute (05.06.11) „Vorzeigeprojekt droht zu scheitern – Stoiber und das gro√üe Nichts“ – http://www.tagesschau.de/wirtschaft/stoiber124.html.

    In dieser Meldung geht es um ein „sogenanntes“ B√ľrokratieabbauprojekt (Aufhebung der Bilanzierungspflicht f√ľr Kleinunternehmen) in der EU. Diesem Vorzeigeprojekt des ehemaligen bayrischen Ministerpr√§sendenten Edmund Stoiber als obersten B√ľrokratiebek√§mpfer droht nun, bedingt durch die EU B√ľrokratie das Aus.

    Die erste Frage, die sich mir beim nochmaligen Lesen der Tagesschau-Meldung stellte, hat ein Herr Stoiber die „Projektkompetenz“ f√ľr solch ein Projekt oder dient diese T√§tigkeit anderen Zwecken?

    Die zweite Frage, ist es √ľberhaupt notwendig daraus ein Projekt zu machen bzw. hier mit dem Begriff „Projekt“ zu arbeiten?

    Dies ist sicher nur ein weiteres Beispiel aus dem Bereich der Politik, wo die Begriffe Projekt und Projektkompetenz ebenfalls kritisch betrachtet werden sollten.

  6. Hedi —   4. Juni 2011, 14:16 Uhr

    Ich finde es immer wieder schade, wie Sprache dazu missbraucht wird, Dinge und Sachverhalte zu verkomplizieren, anstatt sie f√ľr andere verst√§ndlich zu machen – dadurch wird der Sprache ihre Grundeigenschaft entzogen. Und das nur, um dem Leser das Gef√ľhl zu vermitteln, dass es sich um etwas kompliziertes und qualitativ hochwertiges handelt… solch buchst√§bliche Manik√ľre ist f√ľr mich oft schon ein Indiz daf√ľr, dass sich der Autor evtl. selbst nicht vollkommen mit der Materie auskennt oder nicht m√∂chte, dass es jemand anderes tut. Und was hat das dann noch mit Bildung und Weiterentwicklung zu tun!? Aber dass unser Bildungssystem ebenso wie das Gesundheits- oder Steuersystem dringend eine General√ľberholung n√∂tig hat, ist ja nichts neues. Ich freue mich schon auf die Zeit, in der sich genug Menschen mit wahrer Projektkompetenz und praktischer Erfahrung zusammen finden und den Status Quo revolutionieren! Nachdem, was sich alles in den letzten Wochen und Monaten weltweit getan hat, kann es gut sein, dass dieser Zeitpunkt in nicht allzu weiter Ferne liegt ūüôā bleiben wir optimistisch und tragen alle unseren Teil dazu bei.

  7. Franziska Gruhser —   2. Juni 2011, 19:54 Uhr

    Es ist schon erstaunlich, auf der einen Seite sagt man: „Irgendwann wiederholt sich doch alles“, doch andererseits beklagen sich immer mehr Arbeitgeber – egal in welcher Branche – √ľber die mangelhaften praktischen F√§higkeiten der jungen Arbeitnehmer. Wo also bleibt die Wiederholung des vor fast 100 Jahren publizierten „Learning-by-deweying“ – √§hm – „-doing“? Warum sind die meisten Studieng√§nge immer noch so verschult? Weshalb wohl f√ľhlen sich so viele Berufsanf√§nger „ins kalte Wasser geworfen“, obwohl sie doch aus Sicht der Lehrer so gut vorbereitet wurden auf den Start ins Berufsleben? Doch die M√ľhlen mahlen langsam und Reformen sind solche Pseudo-Projekte, √ľber deren Umsetzung mehr geredet statt dass gehandelt wird. Bis zur „echten“ Umsetzung bedarf es mehreren „Pilotprojekten“ an einzelnen Unterrichtsst√§tten, um einem finanziellen Desaster bei einem etwaigen Methoden- resp. Strategie-Fehler vorzubeugen. Und so gehen wieder Sch√ľler- und Studentenjahrg√§nge ins Land, die den Arbeitnehmern Nerven, Geld und Zeit kosten, da sie als blutige Anf√§nger in jeden Handgriff eingearbeitet werden m√ľssen. Soviel zum Lerneffekt unseres Bildungssystems – „Hands on!“ sollte es hei√üen. In den USA hei√üen die Museen nicht umsonst so und bei einem Besuch dort lernt man z. Bsp. mehr √ľber Physik als in einer Unterrichtseinheit… Es ist erfreulich, dass dieser Trend in Deutschland schon einige Nachahmer gefunden hat. Wollen wir hoffen, dass er sich ausbreitet und weniger Pseudo-Projekte durchgef√ľhrt werden, sondern endlich die Projektkompetenz der Lehrenden wachger√ľttelt wird.

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