Früher Start ins Projekt- und Berufsleben statt Schule ohne Ende. Ein Plädoyer.

 

Zu meinem Artikel vom 2. Juni über „Projektkompetenz“ an Schulen und Hochschulen gab es zum Teil heftige Reaktionen. Der Tenor bei einigen Kommentaren war: Ich solle nicht zu hart über die Anstrengungen urteilen, die im Bildungssektor unternommen werden, um jungen Menschen die Methoden und Techniken des Projektmanagements zu vermitteln. Denn, so hieß es sinngemäß, an einer Schule oder Hochschule könne man niemals das reale Projektgeschäft 1 zu 1 simulieren.

Mit Verlaub, genau das ist meine Auffassung; vielleicht bin ich von einigen meiner Leserinnen und Leser missverstanden worden. Und ganz nebenbei: Nachdem ich etliche Jahre in Industrie- und Entwicklungsprojekten gearbeitet habe, bin ich nun selbst als Lehrer und Dozent tätig, was mir sehr viel Freude macht. Dabei lerne ich immer wieder junge Leute kennen, die mit 21 oder 23 Jahren noch keinerlei Berufserfahrung haben und zum Teil nicht das Abi oder Fachabi schaffen. Ich glaube nicht, dass auch nur einer oder eine von ihnen wirklich glücklich ist.

Die entscheidende Frage lautet doch: Welche Konsequenz ziehen wir aus den beschränkten Möglichkeiten der Bildungseinrichtungen? Macht es Sinn, diese Defizite schönzureden? Warum überhaupt nehmen wir Schule so wichtig? Gibt es für junge Menschen nicht im Beruf, in der Familie oder im Sportclub mindestens genau so viel zu lernen? Ich bleibe dabei: An einer Schule oder Universität kann den Lernenden allenfalls Projektmethoden-Kompetenz vermittelt werden, nicht aber echte Projektkompetenz, denn dazu gehört die praktische Berufs- und Lebenserfahrung.

Im vorgestern erschienenen FAZ-Artikel „Jetzt kommen die Kinder“ wird beklagt: Das Durchschnittsalter der Studierenden an unseren Universitäten ist in den letzten Jahren rapide gesunken, die Studiengänge werden immer mehr verschult, in den Kursen und Seminaren verhalten sich die Studentinnen und Studenten häufig wie Pennäler, viele wollen von ihren Professoren geduzt werden.

Industrie, Mittelstand und öffentliche Unternehmen suchen jedoch, wenn es um den Führungs- und Expertennachwuchs geht, junge Erwachsene und keine zu alt geratenen Kinder, die gerade ihren Master gemacht haben, aber immer noch im Hotel Mama logieren.

Der Artikel, für den der Autor Frank Berzbach zweifellos gründlich recherchiert hat, untermauert die These, die ich seit vielen Jahren vertrete: Unsere jungen Männer und Frauen werden viel zu lange in der Rolle des Kindes gehalten. Möglicherweise hat zu der pathologischen Entwicklung auch die Abschaffung von Wehr- und Ersatzdienst beigetragen, aber nach meiner Erfahrung finden wir die Ursachen vorzugsweise im Elternhaus der jungen Leute.

Ich denke hierbei an die Overprotecting Mothers und die vielen Väter, die ihren Sohn oder ihre Tochter durchs Abi „prĂĽgeln“ wollen, im ĂĽbrigen aber durch Abwesenheit glänzen statt sich Zeit fĂĽr den Nachwuchs zu nehmen – fĂĽr Gespräche, fĂĽr echte Zuwendung, fĂĽrs Zuhören. Denn in vielen Fällen ist es die bessere Lösung, nach dem Realschulabschluss zunächst eine Berufsausbildung zu absolvieren und danach – mit entsprechender Zielstrebigkeit – die Hochschulreife zu erwerben, an einer Fachoberschule oder einem Abendgymnasium. Völlig zu Unrecht wird dies von vielen Eltern als Umweg oder Zeitverschwendung betrachtet. FĂĽr mich ist es der Königsweg im Zeitalter des lebenslangen Lernens.

Auch die Industrie muss vom Gesetzgeber mehr gefordert werden. Es kann nicht sein, dass die Arbeitgeber unentwegt verkünden: Die Bewerber für Ausbildungsplätze werden immer dümmer und sind immer weniger belastbar. Statt Ursache und Wirkung miteinander zu verwechseln, sollten wir alle miteinander den Spieß umdrehen, also mehr und frühzeitigere Chancen für die jungen Leute schaffen, am Berufs- und Projektleben teilzuhaben.

Hier sind meine konkreten Vorschläge:

  • An den weiterfĂĽhrenden Schulen sollten mehr echte Projekte durchgefĂĽhrt werden, bei welchen die SchĂĽler selbst Verantwortung ĂĽbernehmen: Theater- und Sportveranstaltungen, Bau- bzw. Gartenbauprojekte etc.
  • Mit 16, spätestens mit 19 Jahren, sollte jeder in eine Berufsausbildung einsteigen. Die Arbeitgeber mĂĽssen dabei in Kauf nehmen, dass ein Teil der jungen Leute – wie frĂĽher der typische „Lehrling“ – kein Abiturwissen hat und dass die Ausbildungsstelle fĂĽr sie oft nur eine Ăśbergangsphase ist. Und umgekehrt mĂĽssen die Stellensuchenden sich klarmachen, dass es hier nicht um den einen und wahren „Job fĂĽrs Leben“ geht, den es ohnehin schon lange nicht mehr gibt.
  • Der Abschluss einer mindestens zweijährigen beruflichen Ausbildung sowie eine anschlieĂźende Berufstätigkeit von wenigstens einem Jahr sollte Zulassungsbedingung an jeder Hochschule sein. Auf diese Weise gäbe es unter unseren Politikern und Richtern, Lehrerinnen und Lehrern irgendwann nur noch Menschen mit handfester Berufs- und Lebenserfahrung.

Anders gesagt: Lasst unsere jungen Leute früher erwachsen werden. Gönnt ihnen früher die Freude an der praktischen Arbeit und die Genugtuung, eigenes Geld zu verdienen. Andernfalls müsst ihr – Väter, Mütter, Lehrer, Professoren, Arbeitgeber – mit dem Schlimmsten rechnen. Voltaire hat es so formuliert: „Die Arbeit hält drei schlimme Übel von uns fern: Langeweile, Laster und Not.“



2 Kommentare

  1. Peter Gottke —   25. Juni 2011, 17:13 Uhr

    Lieber Bernd,
    ich gebe dir an vielen Stellen in deinem neuen Artikel Recht. Aber ich frage mich, ob das ĂĽberhaupt eine Frage des Alters ist. Du schreibst an einer Stelle, dass die SchĂĽler und SchĂĽlerinnen durch Projekte an den Schulen Verantwortung zu ĂĽbernehmen lernen sollen.
    Ich glaube, dass hierin ein weitere Schlüssel für die insgesamt katastrophale Entwicklung unserer Gesellschaft liegt. Immer weniger Menschen sind bereit, Verantwortung zu übernehmen. Und das sind nicht nur die vielgescholtenen Politiker, sondern wir alle. Ich sage iimmer: Unsere Kinder sind ja nicht schlechter als unsere Gesellschaft, sondern nur ein Spiegelbild eben dieser! Und wenn denn einmal jemand Verantwortung übernimmt (wie z.B der Klinikleiter der Uniklinik Mainz beim Tod dreier Säuglinge) dann wird er von Talkshow zu Talkshow weitergereicht, weil das so etwas Besonderes ist.
    Im Klartext, wir sollten unseren Kindern wieder mehr Verantwrtung beibringen. Einmal indem wir sie selber nicht verweigern, aber auch indem wir konsquent Kinder und Jugendliche zur Verantwortung für ihr Handeln erziehen und es dann auch aushalten, dass sie uns wegen unserer Konsequenz nicht immer mögen. Ich will kein geliebter Lehrer sein, sondern ein geachteter und respektierter Lehrer.
    Vielleicht mĂĽssen wir dann nicht mehr darĂĽber diskutieren, ob SchĂĽlerinnen und SchĂĽler mit 16 oder mit 19 nicht mehr auf die Schulbank gehören, wenn sie gelernt haben, eigenverantwortlich mit ihrem Leben umzugehen – das betrifft dann auch ihre Berufsausbildung.

  2. Heinrich —   20. Juni 2011, 16:10 Uhr

    „Overprotecting Mothers“ – köstlich! Danke fĂĽr diesen schönen Artikel, Herr Scheurer. Aber mal im Ernst: Ich finde, der Trend in unserer Gesellschaft zielt dahin ab, dass Erziehung immer mehr zentralisiert wird – Kinder wachsen gemeinsam in KiTas, Ganztagsschulen und Kirchen/Vereinen auf, und dort fehlt eben oft das Projektherz oder es ist nicht groĂź genug fĂĽr alle. Oder doch? Eltern sind der Gefahr ausgesetzt, sich immer mehr aus der Erziehung rauszuhalten und vielleicht höchstens mal einen Grenzpfosten zu platzieren, was dann als FĂĽrsorge deklariert wird. Bildung ist eben nicht nur Sache der Schulen.

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