Die Angst des Tormanns beim Elfmeter – nur Hope Solo zeigt Mut und AgilitĂ€t

 

Heute gibt es wieder eine Verwechslungskomödie, diesmal mit den Hauptakteuren AgilitĂ€t und Aktionismus! Und, wie wir wissen, Komödien haben’s in sich.

KĂŒrzlich las ich den kurzweiligen und Ă€ußerst lehrreichen Artikel „Warum Sie viel öfter erst einmal abwarten und Tee trinken sollten“ von Rolf Dobelli (FAZ, 4.7.2011). Der Schweizer Unternehmer und Management-Autor berichtet darin von einer Studie des israelischen Verhaltensforschers Bar Eli, in welcher hunderte von Elfmeter-Situationen untersucht und ausgewertet wurden.

Das Ergebnis: In einem Drittel der FĂ€lle wird der Ball in die Mitte des Tors geschossen und in je einem Drittel nach links und nach rechts. Die TorhĂŒter aber bleiben in den seltensten FĂ€llen in der Mitte, sie springen fast immer in die eine oder andere Richtung. Statistisch gesehen verringern sie somit ihre Chance, den Ball abzuwehren, denn diese ist ja beim Verweilen ebenso hoch wie beim Bewegen nach links oder rechts. Warum tun sie das?

Dobellis ErklĂ€rung: „Weil es viel besser aussieht …, auf die falsche Seite zu hechten, als wie ein Trottel stehen zu bleiben und den Ball links oder rechts vorbeisegeln zu sehen.“ Immerhin, Hope Solo hat kĂŒrzlich im Viertelfinale der Frauenfußball-WM gezeigt, dass es auch anders geht. Die US-Torfrau hatte keine Angst, sich zu blamieren und blieb beim Elfmeterschießen mehrfach in der Mitte. Am Ende hielt sie den entscheidenden Elfer und ihr Team gewann das Spiel.

Vermutlich hatte Mrs. Solo sich zuvor mit der Studie von Bar Eli befasst und dadurch das vermieden, was der Israeli als Action Bias oder auf Deutsch „Handlungsneigung“ bezeichnet. Das PhĂ€nomen der ÜberaktivitĂ€t finden wir natĂŒrlich nicht nur im Fußball. Bei einer britischen Studie beispielsweise wurde festgestellt, dass es bei Auseinandersetzungen von Jugendlichen im Durchschnitt weniger Verletzte gibt, wenn die Polizei nicht frĂŒhzeitig eingreift, sondern zunĂ€chst abwartet. Dies wiederum ist eher der Fall, wenn nicht nur junge, sondern auch erfahrene Polizisten im Einsatz sind.

Übertragen auf den Bereich der Agilen Softwareentwicklung bedeutet das fĂŒr mich: AgilitĂ€t ist alles andere als Aktionismus, auch wenn beide Wörter die gleiche sprachliche Wurzel haben. „Agil“ steht fĂŒr flinkes, bewegliches Vorgehen und speziell fĂŒr geistige FlexibilitĂ€t, also: Optionen offen halten, kurzfristig Alternativen entwickeln und abwĂ€gen, unkonventionelle Lösungen finden.

Merke: Wenn ich als Torwart beim Elfmeterschießen zu frĂŒh springe, und zwar in den Matsch auf der falschen Seite, ist’s vorbei mit meiner AgilitĂ€t – ich habe keine Optionen mehr, beziehungsweise nur die eine: ab unter die Dusche! Anders gesagt: Die vermeintlichen SchlafmĂŒtzen und Zauderer sind bisweilen wahre Meister der AgilitĂ€t.

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