Spirituelle Krieger am Piano: Franz Liszt und Lang Lang

  

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Ein Video mit dem genialen Franz Liszt am Steinway-Flügel ist bisher nicht vorrätig bei YouTube – einigermaßen nachvollziehbar, wenn man weiß, dass gerade sein 200. Geburtstag gefeiert wurde. Aber weil ich Ihnen heute neben dem guten alten Liszt den jungen chinesischen Klaviervirtuosen Lang Lang vorstellen möchte, schlage ich vor: Schauen und hören Sie sich ein Video „Lang Lang spielt Liszt“ an, dann haben Sie beide zusammen – zwei spirituelle Krieger am Piano.

Allerdings, bevor ich Ihnen die entsprechenden YouTube-Links gebe: Was ist ein spiritueller Krieger? Jemand, der meditiert, bevor er in den Kampf zieht? Genau das nicht. Der Kampf ist die Meditation. Und umgekehrt. Es ist eins.

Ich gebe zu, die letzten sechs Sätze habe ich einfach abgeschrieben, aus Kapitel 2 meines Buchs „Projektherz“. Und nun, ähnlich der Variation zum Thema eines Klavierkonzerts, die Paraphrase zum obigen Zitat: Was ist ein spiritueller Krieger am Piano? Ein Pianist, der meditiert, bevor er auf die Bühne geht und ein Stück von Liszt spielt? Genau das nicht. Das Klavierspiel ist Kampf – gegen die Schwerkraft, gegen die Trägheit des menschlichen Geistes, gegen die Trägheit der zehn Finger, gegen den inneren Schweinehund. Dieser Kampf ist Meditation. Und umgekehrt. Es ist eins.

Wenn Sie nun denken: Ein bisschen übertrieben, dieser Vergleich Pianist-Krieger, dann sage ich: Ein bisschen übertrieben, wenn ein dreijähriger Junge Klavierunterricht am Konservatorium seiner Heimatstadt erhält, oder? Und wenn dieser Junge mit fünf Jahren den Klavierwettbewerb dieser Stadt gewinnt, mit neun Jahren dann von seiner Mutter getrennt wird, um mit seinem Vater in die Hauptstadt Peking zu ziehen und dort ein Studium an der Musikhochschule aufzunehmen? Dass der Vater dafür seinen Job in der Provinz aufgegeben hat, damit er jeden Morgen um halb sechs mit seinem Sohn frühstückt, der gleich anschließend mit dem Klavierspielen beginnt, ist das nicht reichlich übertrieben?

Mir fällt dazu die Geschichte von der netten älteren Dame ein, die – mit dem Champagnerglas in der Hand – den jungen Pianisten nach dessen Auftritt anspricht: „Meister, ich würde mein Leben dafür geben, wenn ich so spielen könnte wie Sie!“ Seine Antwort: „Madame, ich habe mein Leben dafür gegeben.“

Ich weiß, es ist sehr schwer für die Eltern begabter Kinder, die goldene Mitte zu finden zwischen überzogener Strenge und Nachlässigkeit. Nicht jedes Kind hat außer seiner Begabung auch die charakterliche Stärke und den Kampfgeist eines Lang Lang, um die zahllosen mühevollen Schritte einer solch einzigartigen Karriere zu durchstehen. Und es ist immer wieder eine Ermessensfrage für Eltern und Lehrer: Was soll ich meinem Kind, meiner Schülerin, meinem Schüler zumuten? Was ist das Beste für den jungen Menschen?

Bei Lang Lang wissen wir heute: Sein Weg war für ihn der richtige. Er ist nicht nur ein hochmusikalischer Mensch, er ist ebenso ein Kämpfer, er verbindet meisterliches Handwerk mit Inspiration und Herzenswärme – vor allem dann, wenn er mit Kindern und Jugendlichen zusammen musiziert, arbeitet und lacht.

Wenn Sie sich bisher kaum mit Lang Lang und Liszt beschäftigt haben: Tun Sie es jetzt! Hier sind die versprochenen Links (dreimal YouTube, einmal ZDF):

FĂĽr die, die wenig Zeit haben:
Lang Lang – 74 Seconds of Virtuosity („virtuos“ kommt übrigens vom lateinischen „virtus“, was so viel wie „Mannhaftigkeit, Kraft, Mut, Tugend“ bedeutet)

FĂĽr die, die sich etwas mehr Zeit nehmen wollen:
Lang Lang – Hungarian Rhapsody no. 2 (hier sehen Sie gleich am Anfang, noch bevor das Spiel beginnt, wie der spirituelle Krieger sich lächelnd zum „Kampfplatz“ begibt)

Mehr vom (kampf)lustigen Kung-Fu-Pianisten:
Lang Lang Gone Mad

Falls Sie immer noch Zeit und Lust haben:
Lang Lang – aus dem Leben eines Virtuosen (ein großartiger Dokumentationsfilm, den ich am vergangenen Freitag im ZDF gesehen habe und der mich zu dem vorliegenden Artikel inspiriert hat)

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Fotos: Wikipedia u. Wikimedia

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