Karrieretipp fĂĽr Projektleiter: Von Herrn zu Guttenberg ĂĽber Sokrates zur Bescheidenheit

In der Rubrik „Erste Hilfe Karriere“ habe ich gestern bei SpiegelOnline einen bemerkenswerten Artikel gefunden: „Schuld und BĂĽhne – der Guttenberg-Effekt“.

Der Autor Martin Wehrle, Karriereberater und ehemaliger Manager, berichtet darin von Dieter B., einem „vorerst gescheiterten“ Projektleiter, der ihn um Rat gebeten hat:

„Vor einem halben Jahr habe ich ein groĂźes Projekt in den Sand gesetzt. Seither haftet mir der Stempel des Versagers an. Mein Chef hat mich bei Projekten ins zweite Glied verbannt. Mittlerweile habe ich jedoch meinen Fehler erkannt: Ich war in Gedanken immer schon einen Schritt zu weit und habe meine Kollegen nicht mitgenommen. Sie denken deutlich langsamer als ich …“

Alles klar? Da hat jemand gerade ein Projekt gegen die Wand gebrettert, möglicherweise einen Millionenverlust verursacht und das in ihn gesetzte Vertrauen nicht gerechtfertigt.  Aber für ihn liegt die Schuld bei den anderen; sie sind begriffsstutzig und unfähig, seinen geistigen Höhenflügen zu folgen.

Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr – diese alte, fälschlich Wilhelm Busch zugeschriebene Redensart hat bis heute nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Das Klischee „Frechheit siegt“ ist für viele Menschen eine unwiderlegbare Tatsache, eine Art Naturgesetz, so auch für den Ingenieur und Ex-Projektleiter Dieter B..

Auf Youtube findet man Ausschnitte einer Maischbergersendung vom 22.2.2011, die ich damals live gesehen und mir jetzt mit Vergnügen noch einmal angeschaut habe: „Der Schummelbaron – Frechheit siegt.“ Das Vergnügen ergibt sich vor allem aus der Tatsache, dass die Teilnehmer dieser Talkrunde zum damaligen Zeitpunkt – nach Bekanntwerden des Guttenberg-Plagiats, jedoch vor seinem Rücktritt als Minister – überwiegend glaubten, die Dreistigkeit des Barons werde sich durchsetzen. Heute wissen wir: Zunächst gab es Pyrrhussiege, danach kam die Blamage, der charakterliche Offenbarungseid, Abstieg.

Vielleicht werden wir Herrn zu Guttenberg eines Tages dankbar sein, denn kein Deutscher hat in letzter Zeit mehr als er den öffentlichen Diskurs über Tugenden wie Mut, Ehre und Wahrhaftigkeit befeuert, wenn auch Herr Wulff ihm neuerdings dicht auf den Fersen ist. Und die Show ist noch nicht zu Ende. Kaum versucht der Ex-Oberbefehlshaber sein Comeback in der Politik und in den Medien, schon scheiden sich erneut an ihm die Geister. Wir alle sind aufgefordert zum Unter-Scheiden von Richtig und Falsch, es geht ums Bescheid Wissen und um Bescheidenheit.

Und damit sind wir bei Sokrates. Viele seiner Zeitgenossen hielten ihn fĂĽr alles andere als bescheiden, er ging ihnen auf den Wecker mit seinen hartnäckig-naiven Fragen, seiner „Hebammenkunst„. Sie nahmen an, er stelle sich absichtlich dumm („ich weiĂź, dass ich nicht weiĂź“), um am Ende des Gesprächs um so ĂĽberlegener zu wirken.

Ich glaube, Sokrates hatte solche Mätzchen nicht nötig. Ihm ging es um Einfachheit, Klarheit und Erkenntnis. So wie er als Soldat Ausdauer und Tapferkeit bewiesen hatte, wurde er niemals mĂĽde, gemeinsam mit seinen Gesprächspartnern Begriffe, Denk- und Verhaltensweisen zu prĂĽfen – bei den anderen und bei sich selbst: „Ein Leben, das sich nicht selbst geprĂĽft hat, ist es nicht wert gelebt zu werden.“

 

P. S.: Ich versuche, mir vorzustellen, was Sokrates Herrn Dieter B. sagen wĂĽrde, wenn dieser sich an ihn wenden wĂĽrde. Vermutlich wĂĽrde er mit einer Frage beginnen …

S.: Du sagst, mein Freund, dass du deinen Fehler erkannt hast. Was, glaubst du, war dein Fehler?
D. B.: Nun, mein Fehler war offensichtlich, dass ich als Projektleiter die Intelligenz meiner Mitarbeiter überschätzt habe. Sie konnten mir geistig nicht folgen, sie denken deutlich langsamer als ich.
S.: Wenn du glaubst, du bist intelligenter als die anderen, Dieter, was meinst du damit? Was verstehst du unter „Intelligenz“?
D. B.: Schnelles Denken, ein Problem in kürzester Zeit erfassen und die Dinge richtig einschätzen.
S.: Hm, die Dinge … und die Menschen?
D. B.: Was meinst du damit?
S.: Nun, als Leiter eines Projekts – musst du da nur Dinge einschätzen oder vielleicht auch Menschen? Ich meine das Erfassen und Einordnen von Fähigkeiten, Interessen und Stimmungen deiner Stakeholder?
D. B.: Klar.
S.: Gut, du stimmst mir also zu, wenn ich sage: Im Projekt ist eine spezifische Intelligenz erforderlich, sagen wir Projektintelligenz – ein hoher Intelligenzquotient und ebenso Intuition und emotionale Kompetenz?
D. B.:  Ich denke, schon.
S.: Was bedeutet „emotionale Kompetenz“ fĂĽr dich, Dieter?
D. B.: Na ja, Einfühlungsvermögen zum Beispiel, Wahrnehmen von Emotionen.
S.: Wessen Emotionen? Die der anderen oder deine eigenen?
D. B.: Es geht um beides, denke ich.
S.: Gut, bleiben wir bei der Selbstwahrnehmung. Wie siehst du dich selbst? Hältst du dich für einen guten Projektleiter?
D. B.: Ja, auf jeden Fall.
S.: Wie viele groĂźe Projekte hast du geleitet?
D. B.: Bisher eins.
S.: Und was war das Ergebnis?
D. B.: Ich habe das Projekt in den Sand gesetzt.
S.: Was war der Grund, Dieter, was meinst du?
D. B.: Na ja, es war das erste groĂźe Projekt fĂĽr mich.
S.: Also kam der Job zu frĂĽh fĂĽr dich?
D. B.: Mag sein.
S.: Was hältst du davon, wenn du dir einfach mehr Zeit lässt, um an dir selbst zu arbeiten, vor allem an deiner Selbsteinschätzung?
D. B.: Hm.

Übrigens, der Karriereberater Martin Wehrle rät seinem Schützling genau das gleiche wie Sokrates in dem von mir erfundenen Dialog. Sein Artikel endet mit einem Satz, den auch Sokrates unterschrieben hätte:

FĂĽr jeden, der an sich selbst arbeitet, arbeitet auch die Zeit.

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