Thilo Sarrazin, der Mann ohne Projekteigenschaften

2010 war Thilo Sarrazins Jahr, zumindest in Deutschland, von dem er ja befĂŒrchtet, dass es „sich abschafft“. Der finanzielle Erfolg seines Buchs, der mediale Rummel um seine Person, das alles sei ihm gegönnt. Aber 2010 war gestern. Ich glaube, Herr Sarrazin ist von gestern.

Irgendwie ist er ĂŒbrig geblieben, so wie der Christbaum, der noch im Wohnzimmer herumsteht, aber eigentlich nicht mehr gebraucht wird. Denn: Welche Ideen, welche LösungsansĂ€tze liefert uns Thilo Sarrazin fĂŒr die Zukunft? Was gibt er uns in die Hand, wenn wir die massiven Probleme in unserem Land, auf die er ja zu Recht hingewiesen hat, anpacken wollen? Was ist sein Beitrag, sein Impact? Was ist sein Projekt? Ich glaube, Herr Sarrazin hat keins.

Wenn ĂŒberhaupt, lĂ€sst sich – wie bei so vielen Staatsbediensteten und Politikern – nur das Projekt „Meine Karriere“ erkennen. Hier drei Punkte von vielen, die das dokumentieren:

  • Sarrazin nimmt fĂŒr sich in Anspruch, mit seinen Thesen gegen die „herrschende Klasse“ zu kĂ€mpfen, zu der er selbst jedoch bis vor kurzem gehörte, und zwar ĂŒber viele Jahre. Als Senator in Berlin hatte er von 2002 bis 2009 die Möglichkeit, einige der Fehlentwicklungen, die er 2010 so lautstark anprangerte, zu vermeiden. Warum hat er es nicht getan?
  • Wenn er gern kĂ€mpft, warum hat er das nicht Ende der sechziger Jahre zusammen mit vielen Altersgenossen getan, die als Jusos damals massenhaft Plakate fĂŒr Willy Brandt klebten, damit dieser 1969 als erster Sozialdemokrat Kanzler der Bundesrepublik wurde? Thilo Sarrazin wurde erst Jahre spĂ€ter, nach Studium und Promotion, Mitglied der SPD, die nun an der Macht war und ihm Karrierechancen eröffnete.
  • Thilo Sarrazin hat nie in der freien Wirtschaft gearbeitet, geschweige denn auf eigene Rechnung und auf eigenes Risiko. Er hat nie in einem Projekt gearbeitet, also auf einer „Baustelle“ fĂŒr begrenzte Zeit – so wie jeder Fußballtrainer, der nur einen befristeten Arbeitsvertrag bekommt. Sarrazin war ein Berufsleben lang im öffentlichen Dienst tĂ€tig, mit hundertprozentiger Sicherheit und Pensionsberechtigung. Und dieser Mann, der nie seinen Job verlieren konnte, hĂ€lt sich fĂŒr berufen, Arbeitslosen RatschlĂ€ge bezĂŒglich ErnĂ€hrung und Lebensweise zu geben.

In den Medien, beispielsweise in der WELT vom 2.1.2011, wird in dieser Woche von einer Mainzer Karnevalsveranstaltung berichtet, bei welcher der umstrittene Ex-Bundesbankvorstand auftrat. Man sieht, das Jahr 2010 ist fĂŒr ihn noch nicht ganz zu Ende. Immerhin brachte er 200 Menschen auf die Straße, die gegen seinen Auftritt protestierten. In ihrem Aufruf hieß es: „Nichts von dem, was Sarrazin beschreibt, ist eine Bereicherung fĂŒr die Diskussion, geschweige denn neu, originell, oder ein Tabubruch. Seine LösungsvorschlĂ€ge sind bestenfalls unbrauchbar, schlimmstenfalls menschenverachtend.“

Bevor Sarrazin zur Narrenkappe griff, posierte er am 24.12.2010 fĂŒr die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf einem Berliner Christmarkt mit WeihnachtsmannmĂŒtze. In diesem Fall lieferte er selbst den Text, und zwar mit der Schlagzeile „Ich hĂ€tte eine Staatskrise auslösen können“. Ich muss gestehen, schon beim Lesen dieses Artikels regte sich so etwas wie Mitleid in mir. Auch jetzt noch frage ich mich: Welcher Teufel hat den „Beelzebub aus Berlin“ geritten, dieses Ding in dieser Form loszulassen, auf der Feuilleton-Titelseite der FAZ? Und mit dieser Schlagzeile! Das erste Wort: Ich. Das zweite ein Konjunktiv. „Ich hĂ€tte eine Staatskrise auslösen können“ – ja, Menschenskind, warum hat er es denn nicht getan? Ich, Thilo Sarrazin, löse eine Staatskrise aus. Indikativ. Auf dem Weihnachtsmarkt, mit ZipfelmĂŒtze und GlĂŒhwein.

Stattdessen redet er nur darĂŒber. Und zwar sehr ausfĂŒhrlich. So wie er es im Dezember bei Frau Maischberger tat, wenn nicht gerade der große Herr Henkel dabei war, uns die Welt zu erklĂ€ren. Wie Sarrazin in dieser Sendung einfach die GesprĂ€chsleitung an sich riss und die Dame, die eigentlich fĂŒr diesen Job bezahlt wurde, keines Blickes mehr wĂŒrdigte, stattdessen permanent in die andere Richtung monologisierte – das war schon spaßig. Auch ohne ZipfelmĂŒtze oder Narrenkappe.

Dass sein neues Buch 2010 in kĂŒrzester Zeit zum Bestseller wurde, das ist zweifellos eine tolle Sache fĂŒr ihn; man kann ihm zu diesem Erfolg gratulieren. Aber warum jetzt der Auftritt in Mainz, warum der FAZ-Artikel vom 24. Dezember, die „Lektionen des Jahres“? Warum macht er sich so klein? War die KrĂ€nkung seitens Merkel und Wulff so groß? Warum will er diesen Leuten Lektionen erteilen? Angela Merkel und die Heilige Inquisition in einem Atemzug, am Heiligen Abend. Heiliger Strohsack, geht es nicht ein oder zwei Nummern kleiner? Gibt es in Sarrazins Umfeld, in seiner Familie niemanden, der es gut mit ihm meint und ihm den simplen Vorschlag macht: Ball flach halten, Thilo, es reicht? Auch das Geld reicht, und der Ruhm. Du wirst jetzt nicht mehr gebraucht – bei der Bundesbank nicht, in der SPD nicht, entspann‘ dich einfach.

Was wir brauchen, das sind Leute mit ProjektfĂ€higkeit. Leute, die Probleme nicht nur analysieren oder beklagen, sondern sie bewĂ€ltigen – ohne Zynismus und Oberlehrergehabe. Menschen, die originelle Lösungsideen haben und darĂŒber hinaus den Mut, fĂŒr die Umsetzung dieser Ideen zu kĂ€mpfen – nicht gegen andere, sondern gemeinsam mit anderen Menschen. Ein kleines Beispiel: Am Sonntag, dem 9. Januar, werden die BĂŒrgermeister von Beit Jala (PalĂ€stina) und Bergisch Gladbach feierlich die Partnerschaft ihrer beiden StĂ€dte besiegeln. Zwar gibt es seit Jahren zahlreiche deutsch-israelische StĂ€dtepartnerschaften, aber meines Wissens gibt es bisher nur eine deutsche Stadt, nĂ€mlich Köln, die es gewagt hat, eine BrĂŒcke nach PalĂ€stina zu schlagen, und zwar 1996 nach Bethlehem. Axel Becker, der Initiator des neuen Projekts, ist auf diesem Weg der Versöhnung zwischen PalĂ€stinensern, Juden und Christen zusammen mit seinen Mitstreitern viele kleine Schritte gegangen; es gab Jugend-Theaterprojekte und viele andere Formen der kulturellen und menschlichen Begegnung. Und es gab jede Menge Widerstand. Ich kenne Herrn Becker seit mehr als zwanzig Jahren, und ich weiß, dass er schon als junger Pfarrer einer deutschen christlichen Gemeinde in Santiago de Chile gegen die Gewalt und den Terror des damaligen Pinochet-Regimes gekĂ€mpft hat. Dieser Mann in Bergisch Gladbach ist kein Hase im Staatsdienst, kein zynischer Fuchs und keine dumme Gans. Er ist ein Adler.

Was ich Herrn Sarrazin immer schon einmal fragen wollte: Wer oder was ist „Deutschland“? Wer gehört dazu – bezogen z. B. auf das Jahr 1010, dann auf 1910, 2010 und 2050? Können Sie das aus dem Stegreif definieren beziehungsweise vorhersagen, Herr Sarrazin? Kann es sein, dass wir es hier mit einem fortlaufenden historischen Prozess zu tun haben? Und wer entscheidet, ob sich Menschen durch Sie herabgewĂŒrdigt und beleidigt fĂŒhlen? Sie selbst? Ich nehme an, Sie kennen junge Menschen aus muslimischen Familien nur vom Hörensagen. Vermutlich sehnen Sie sich zurĂŒck nach den „alten“ Zeiten, als Sie selbst noch jung waren und der Anteil der Muslime an deutschen Schulen verschwindend gering war. Wie wĂ€re es, wenn Sie im neuen Jahr nach vorn schauen wĂŒrden? Wenn Sie versuchen wĂŒrden, all denen Mut fĂŒr die Zukunft zu machen, die jetzt jung sind?

Ich lade Herrn Sarrazin ein, einmal bei uns im Carl-Reuther-Berufskolleg in Hennef/Sieg vorbeizuschauen, wo es in meinen Mathematikkursen neben religionslosen, christlichen und buddhistischen auch eine Menge muslimischer SchĂŒler gibt. Mit ihnen kann er ĂŒber Euklid, Gauß und Al-Chwarizmi reden, ĂŒber Algebra und Islam, Alexandria und Bagdad, ĂŒber Respekt und Toleranz. Und er kann etwas finden, was ihm, dem „Gestaltungsoptimisten“, dem „Fremden im eigenen Land“, offensichtlich etwas fremd geworden ist: Lebensfreude, herzhaftes Lachen, Humor.

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