Das Nesthocker-Syndrom – oder: „K√∂nigsweg“ versus „Highway to Hell“

F√ľr alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Ich bin Mathelehrer. Zwar arbeite ich seit etlichen Jahren als Trainer, Berater und Autor im Bereich Projektmanagement & Philosophie und habe vor gut einem Jahr mit dem Bloggen angefangen. Aber ganz „nebenbei“ unterrichte ich auch Mathematik an einem Berufskolleg im Rheinland.

Heute möchte ich Ihnen einmal ein paar statistische Daten aus dem Schulalltag liefern. Es geht dabei nicht um eine repräsentative Umfrage oder eine Langzeitstudie, aber Sie können sicher sein: Meine kleine Statistik in Form eines Notenspiegels ist sehr aktuell, sehr authentisch, und es handelt sich nicht um irgendeinen Sonderfall. Meine Kolleginnen und Kollegen berichten mir seit vielen Jahren von ähnlich niederschmetternden Ergebnissen.

Die Ausgangssituation: Zur Zeit unterrichte ich in drei Klassen Mathematik, deren Sch√ľlerinnen und Sch√ľler in wenigen Wochen ihr Fachabitur bauen wollen. Es handelt sich um eine HBFS-Klasse (H√∂here Berufsfachschule) und zwei FOS-Klassen (Fachoberschule).

Am 29.3.2012, also vor den Osterferien lie√ü ich in allen drei Klassen eine Parallel-Klausur zum Thema Integralrechnung schreiben – alle Teilnehmer hatten somit zeitgleich dieselben Aufgaben zu bearbeiten. Von insgesamt 66 Sch√ľlern traten 16 (!) nicht am lange vorher vereinbarten Tag zur Klausur an – f√ľr mich ein deutliches Signal der Verweigerung, selbst wenn ein Teil dieser Sch√ľler aus triftigen Gr√ľnden fehlte; im Fu√üball w√ľrde man von Spielverz√∂gerung oder taktischem Foul sprechen. Jedenfalls gehen diese Sch√ľler nicht in die folgenden Auswertungen ein.¬†Hier sind die Ergebnisse vom 29.3.:

 

Note:                 1    2    3    4    5    6     Summe    Durchschnittsnote
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Anzahl/HBFS:     0    3    1    6    6    2         18                 4,2
Anzahl/FOS1:     4    5    3    2    3    0         17                 2,7
Anzahl/FOS2:     2    7    3    2    1    0         15                 2,5

 

Und nun kommt die Pointe: Die Sch√ľler der HBFS-Klasse, in der dramatisch schlechtere Ergebnisse erzielt wurden, sind genau die, die am l√§ngsten „beschult“ worden sind! Im einzelnen haben die beiden Bildungsg√§nge folgende Merkmale:

 

HBFS („Highway to Hell“)
РZweijähriger Bildungsgang
– die Sch√ľler haben zuvor bereits einen Realschulabschluss erworben; sie sind also 12 Jahre ununterbrochen zur Schule gegangen, einige von ihnen 13 oder 14 Jahre
Рwährend 20,5 Monaten werden ca. 300 Mathematik-Unterrichtsstunden erteilt
– etwa die H√§lfte der Sch√ľler schafft im ersten Anlauf den HBFS-Abschluss und hat¬†mit ca. 18-19 Jahren das Fachabitur¬†erreicht.
– ¬†die andere H√§lfte hat ein oder mehrere Schuljahre wiederholt und¬†mit ca. 20 Jahren¬†im g√ľnstigen Fall ein schwaches Fachabitur¬†geschafft, im ung√ľnstigen Fall:¬†nichts au√üer dem Realschulabschluss;¬†Berufsabschluss: Fehlanzeige.

 

FOS („K√∂nigsweg“)
РEinjähriger Bildungsgang, jedoch vorzeitiger Abschluss; also 8,5 Monate
– die Sch√ľler haben zuvor einen technisch/handwerklichen Berufsabschluss (IHK bzw. Handwerkskammer) erreicht; sie haben also nach 10 Jahren Grund- und Haupt- bzw. Realschule mindestens drei Jahre in einem Betrieb gearbeitet und m√ľssen sich zu Beginn des FOS-Kurses erst wieder an den Vollzeit-Schulbetrieb gew√∂hnen
Рin 8,5 Monaten werden ca. 180 Mathematik-Unterrichtsstunden erteilt
– kaum Wiederholer
– Im Erfolgsfall hat ein Sch√ľler mit ca. 20 bis 21 Jahren neben dem Berufsabschluss die Fachhochschulreife erreicht.

 

Aus der Sicht eines Bildungsgang-Projektmanagers ergibt sich als Fazit f√ľr die drei oben erw√§hnten konkreten Kurse:

FOS-Projekt
– Zwei Teams mit insgesamt 32 Sch√ľlern
– Projektdauer: 8,5 Monate
– Projektkosten: EUR 136.000,–
(jeder Berufskolleg-Sch√ľler kostet den Steuerzahler pro Monat ca. EUR 500,–)
– Projektergebnis (Prognose): 28 Sch√ľler erreichen das Ziel (Fachabitur)
– Kosten pro Fachabitur: ca. EUR 4.900,–

HBFS-Projekt
– Ein Team mit 18 ¬†Sch√ľlern
– Projektdauer: 32,5 Monate (wegen einiger Wiederholer); erste Teilergebnisse nach 20,5 Monaten
– Projektkosten: ca. EUR 220.000,– (inkl. „Ehrenrunden“)
– Projektergebnis (Prognose): 12 Sch√ľler erreichen das Ziel (Fachabitur)
– Kosten pro Fachabitur: ca. EUR 18.300,–

(√úbrigens, falls Sie meinen, es g√§be an unserem Berufskolleg nur die eine, hier erw√§hnte HBFS-Abschlussklasse: In diesem Jahr gibt es 7 (!) HBFS-Abschlussklassen, das bedeutet eine Investition von etwa EUR 1.5 Millionen f√ľr sch√§tzungsweise 80-90 erfolgreiche Fachabiturienten.)

Nun wird der ein oder andere einwenden: Wie kann man nur im Bereich Schule √§hnliche Kosten/Nutzen-Rechnungen wie im Projektgesch√§ft durchf√ľhren? Ich stelle die Gegenfrage: Wieso eigentlich nicht? Das Geld f√ľr die Ausbildung der zahlreichen HBFS-Sch√ľler muss doch jedes Jahr erwirtschaftet werden – unter anderem von den weniger zahlreichen k√ľnftigen FOS-Sch√ľlern, die mit 16 in eine Berufsausbildung einsteigen und jahrelang Steuern zahlen, w√§hrend ihre Altersgenossen ununterbrochen die Schulbank dr√ľcken.

Was ich beim HBFS-Bildungsgang jedoch viel schlimmer finde als die Vergeudung von Steuergeldern, ist die Vergeudung von Lebenszeit der betroffenen Sch√ľler. Viele von ihnen erlebe ich im Verlauf des zweij√§hrigen Kurses als zunehmend lustlos und demotiviert; und die, die den Fachabi-Abschluss nicht schaffen, driften ab in Apathie und Depression, denn sie ahnen: in ihrem Alter haben sie nur minimale Chancen am Arbeitsmarkt.

 

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Eine zusammenfassende Darstellung zum Thema „Nesthocker“ sowie zum „K√∂nigsweg“ Fachoberschule finden sie ¬†auf ¬†www.zuvielschule.de.
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Und f√ľr alle HBFS- oder auch AC/DC-Fans hier die deutsche √úbersetzung von „Highway to Hell“:

Leichtes Leben, freie Liebe,
Dauerkarte auf einer Einwegfahrt.
Ich will nichts
Lass mich in Ruhe
Ich schaffe alles mit links
ich brauche keinen Grund, ich brauche keinen Reim
(Ich brauche weder Sinn noch Verstand)
Es gibt nichts was ich lieber täte,
runter geh¬īn
Zeit zum feiern
Meine Freunde werden auch da sein.

Ich bin auf dem Highway zur Hölle.

Keine Stopschilder,
Geschwindigkeitsbegrenzungen.
Niemand wird mich bremsen,
wie ein Rad
Ich werde es drehen
niemand wird mich verarschen
Hey Satan,
Ich zahle meinen Beitrag
Ich spiele in einer Rock-Band,
hey Mama, schau mich an,
ich bin auf meinem Weg in das versprochene Land.

Ich bin auf dem Highway zur Hölle

Halt mich nicht auf

Ich bin auf dem Highway zur Hölle
Und ich geh den ganzen Weg runter
Ich bin auf dem Highway zur Hölle

(aus: http://www.songtexte.com/uebersetzung/acdc/highway-to-hell-deutsch-1bd6bd2c.html)

Eine Aufzeichnung vom legend√§ren AC/DC-Konzert im River-Plate-Stadion, Buenos Aires, aus dem Jahr 2009 gibt es bei Youtube. Der H√∂hepunkt: „Autopista al Infierno„.



1 Kommentar

  1. Heinrich —   26. April 2012, 14:25 Uhr

    Ich habe Deinen Artikel sehr gerne gelesen, der ist sehr informativ. Vor allem die Kostenrechnung fand ich sehr anschaulich! Ließe sich Deine Beobachtung landesweit wiederfinden, wäre das doch sehr erschreckend.

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