SommerlektĂŒre fĂŒr Projektphilosophen: Eine Pilgerreise als Entwicklungsprojekt

Der Plot ist ganz nach meinem Geschmack: Ein Rentner durchquert zu Fuß sein Land von SĂŒden nach Norden, eine Strecke von circa tausend Kilometern, weil er eine Art GelĂŒbde abgelegt hat. Das ist zweifellos ein einzigartiges Vorhaben mit einem klaren Ziel, begrenztem Budget und einer Deadline – ein Projekt.

Die Deadline ist in diesem Fall sehr wörtlich zu nehmen, denn Harold Fry, der besagte Rentner, hat sich selbst das Versprechen gegeben, am Ziel anzukommen, bevor seine Freundin Queenie ihrem schweren Krebsleiden erlegen ist. Und das Ziel ist Queenie, oder genauer: das Hospiz, in dem sie untergebracht ist.

Was die Geschichte fĂŒr mich besonders anziehend macht, ist ihre praktisch-philosophische Seite. Es geht um Feigheit und Mut, um Freundschaft, Liebe und Hass, SelbsttĂ€uschung und Erkenntnis. Nicht zuletzt geht es um Lernfreude. Dieser alte Herr zeigt uns, dass es nie zu spĂ€t ist, Neues zu entdecken und schĂ€tzen zu lernen – in der Natur, bei Pflanzen, Tieren und Menschen. Harold ist am Ende seiner Pilgerreise nicht mehr der, der er am Anfang war.

Aus meiner Sicht ist das die entscheidende Botschaft: Wenn du Ă€lter wirst, wird es Zeit, milder in deinem Urteil zu werden; mit mehr Offenheit und Toleranz auf andere zuzugehen und auch mit dir selbst nicht zu hart ins Gericht zu gehen. Harold Fry tritt auf seinem langen Fußmarsch in die Fußstapfen von Faust, Simplicissimus und Peer Gynt. Dabei ist Harolds Geschichte gut und leicht zu lesen – genau das Richtige fĂŒr einen Sommerferientag am Meer oder in den Bergen.

P. S.: Heute Morgen ist mir auf einer Wanderung ein junger Fuchs begegnet. ZunĂ€chst dachte ich, es sei eine Katze, aber dann trottete der Bursche weiter unverdrossen auf mich zu auf diesem Weg zwischen Feld und Wald, und seine Ohren, sein Fell und sein buschiger Schwanz sahen plötzlich nicht mehr sehr nach Katze aus. Er kam bis auf etwa dreißig, vierzig Meter an mich heran und sprang schließlich ins Stoppelfeld, um MĂ€use zu jagen. Ich blieb unentdeckt im Wald und brauchte nur zuzuschauen. Die Szene hat mich sehr beeindruckt, ich bin einem Fuchs in freier Wildbahn noch nie so nahe gewesen. Es hat verdammt lange gedauert bis zu diesem „ersten Mal“, fast so lange wie bei Harold.

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