Nahe Feinde

Du schreibst ein Buch. Es ist dein drittes. Während du an dem Manuskript arbeitest, wirst du immer wieder auf dein Projekt angesprochen. Was macht dein Buch? Wann wird es erscheinen?

Das Buch erscheint. Und dieselben Leute, die vorher Interesse und Anteilnahme demonstriert haben, stellen pl√∂tzlich ganz andere Fragen. Wieviel tausend St√ľck sind denn schon verkauft? Auf welcher Bestsellerliste finde ich dein Buch?¬†Und, was noch schlimmer ist: dr√∂hnendes Schweigen.

Du hast dreieinhalb Jahre an dem Buch gearbeitet, und sie haben¬†keine¬†dreieinhalb Minuten Zeit √ľbrig, um sich mit deinem Text auseinanderzusetzen. Aber sie haben eine Meinung. Sie f√§llen ein Urteil.

Ein neues Buch ist f√ľr die Autorin oder den Autor wie ein Baby. Man stelle sich vor, eine¬†Frau bekommt ihr drittes Kind. Das kleine M√§dchen lernt gerade zu krabbeln, und die¬†„Freundinnen“ der Mutter – die meisten sind kinderlos¬†– erw√§hnen mit keinem Wort die wachen Augen der Kleinen. Oder die lustigen Laute, die sie¬†von sich gibt. Sie haben das Kind – so wie seine beiden √§lteren Geschwister – √ľberhaupt noch nicht gesehen. Aber sie stellen Fragen. Kann es schon laufen? An¬†welchem Gymnasium wird es Abitur machen?

Jack Kornfield¬†erkl√§rt uns, womit wir es hier zu tun haben. Er nennt es „nahe Feinde“*):

  • Der nahe Feind des Gleichmuts ist Indifferenz oder Gef√ľhllosigkeit.
  • Der nahe Feind des Mitgef√ľhls ist das Mitleid.
  • Nahe Feinde der Mitfreude sind Eifersucht und Konkurrenzverhalten.

Ein Buch ist wie ein Baby. Und es ist ein Freundschafts-Lackmustest. Pl√∂tzlich erkennst du, wer¬†auf deiner Seite ist. Wer sich f√ľr deine Projekte interessiert. Wer es gut mit dir meint, auch wenn er mit dir nicht immer¬†einer Meinung ist.

 

*) Jack Kornfield: Erleuchtung finden in einer lauten Welt. Buddhas Botschaft f√ľr den Westen;¬†Arkana, 2013

Kommentar schreiben
Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.