Japan, M√§rz 2011: Nachhaltige Ersch√ľtterungen

Welche Schl√ľsse ziehen wir aus der Jahrhundertkatastrophe?


Als ich heute morgen einen Blick auf meine Blogseite mit dem Kalenderspruch von Henri Bergson √ľber Pessimisten und Optimisten las, erschrak ich ein wenig. Denn ich stellte fest: Vor Fukushima war es ein wenig leichter mit dem Optimismus. Was nun, Henri?

Eine Bemerkung vorweg: Die, die jetzt auf die Stra√üe gehen und Menschenketten bilden, sind mir zehnmal lieber als all die Lauen, die Feigen und die Verdr√§ngungsk√ľnstler. Ebenso sind sie mir lieber als die Zyniker oder die Experten f√ľr Spa√ükultur und Verbl√∂dung.

Dennoch stellt sich die Frage: Werden bei der Beurteilung der gegenwärtigen Lage der Menschheit nicht allzu oft Ursache und Wirkung miteinander verwechselt? Wer glaubt, unser Hauptproblem sei, dass Kernreaktor-Prozesse jederzeit außer Kontrolle geraten können, springt gedanklich zu kurz. Die Wurzel des Übels liegt nach meiner Überzeugung viel tiefer, oder anders gesagt, sie liegt in der Menschheitsgeschichte einige Jahrhunderte vor dem Bau des ersten Atomkraftwerks.

Schauen Sie sich die Entwicklung der Weltbev√∂lkerung in den letzten zweitausend Jahren an, und Sie stellen fest: Diese Entwicklung ist schon vor mehr als hundert Jahren au√üer Kontrolle geraten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts stieg die Zahl der Erdbewohner auf etwa das Vierfache, wahrscheinlich noch in diesem Jahr wird die 7-Milliarden-Grenze √ľberschritten. All diese Menschen brauchen Energie f√ľr ihre Wohnungen, ihre Nahrung, ihre Mobilit√§t.

Machen wir uns nichts vor: Naturkatastrophen hat es auf unserem Planeten immer wieder gegeben, und es wird sie in Zukunft geben. Die Frage lautet: Wie gehen wir mit dieser Tatsache um? Wie d√ľnn lassen wir das Eis werden, auf dem wir uns bewegen? Ist die Menschheit insgesamt in der Lage zu einem radikalen Umdenken, von der Anma√üung und Gier hin zu mehr Vernunft, mehr Achtsamkeit, Bescheidenheit und Blick f√ľr das Wesentliche im Leben?

Noah baute rechtzeitig seine Arche, bevor der Tsunami kam. Er hatte damals einen Riesenvorteil gegen√ľber dem Durchschnittsspie√üer der abendl√§ndischen Gegenwart, dieser Mischung aus Arbeitssucht und Freizeithedonismus. Noah glaubte an einen Gott, und er glaubte an eine Zukunft f√ľr sich und seine Nachkommen.

In meinem Nachwort zu „Projektherz“ habe ich von dem Mathematiker Martin Rees berichtet, f√ľr den es fraglich ist, ob die Menschheit das 21. Jahrhundert √ľberleben wird. In seinem Buch „Our Final Century?“ entwirft er ein Szenario, bei welchem die Menschen die Kontrolle √ľber Mikroroboter verlieren, die sie zur Reinigung der Erdatmosph√§re entwickelt haben und die am Ende die ganze Biosph√§re verschlingen. Mein Kommentar dazu im Fr√ľhjahr 2010: „Die Menschheit hat jede Menge Optionen, sich selbst zugrunde zu richten, ob nun mit oder ohne Hilfe von Mikrorobotern. Zweitens: Jedes Individuum, jeder einzelne von uns muss irgendwann sterben, wom√∂glich schon morgen Abend ‚Äď unabh√§ngig davon, ob es die Gattung Mensch noch drei√üigtausend oder nur noch drei√üig Jahre geben wird. Die Frage ist: Welche Schl√ľsse ziehen Sie und ich daraus? … Ich meine, wir sollten daran arbeiten und daf√ľr k√§mpfen, dass wir uns nicht selbst zugrunde richten. Wir k√∂nnen uns auf sozialem oder politischem Gebiet engagieren, eine Fremdsprache erlernen, ein Haus bauen, einen Garten anlegen, Kinder darin aufwachsen lassen ‚Äď oder ein Gedicht, einen Song, ein Drehbuch schreiben.“

Ich weiß, das klingt ein wenig nach Martin Luthers Apfelbäumchen. Aber haben Sie einen Alternativvorschlag? Wenn ja, schicken sie mir eine E-Mail. Wenn nein, ebenfalls Рvielleicht gerade dann.

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