Freiheit, Mut, Verantwortung und das Elend des Kommunismus

R√ľdiger Safranskis „Schopenhauer“ – meine Buchempfehlung an die LINKE

 

Es ist ein Elend, die Partei „Die Linke“ tut sich schwer mit dem Kommunismus, im Augenblick vor allem die Vorsitzende Gesine L√∂tzsch. Nachdem sie in der marxistischen Zeitung „Junge Welt“ einen Aufsatz mit dem Titel „Wege zum Kommunismus“ ver√∂ffentlichte, wollte sie urspr√ľnglich an einer Podiumsdiskussion mit der ehemaligen RAF-Terroristin Inge Viett teilnehmen, sagte diese dann wegen Kritik aus den eigenen Reihen ab, um sich anschlie√üend in einer Rede wiederum diese Kritik zu verbitten.

In dem besagten Junge-Welt-Artikel schreibt Frau Lötzsch:

Angenommen, der Euro geht als W√§hrung in den n√§chsten zwei Jahren unter, die Europ√§ische Union zerbricht, die USA kommen nicht aus der Wirtschaftskrise (…) Das Klima ver√§ndert sich dramatisch, der Golfstrom k√ľhlt ab, die Fl√ľchtlingsstr√∂me √ľberrennen die ¬ĽFestung Europa¬ę …

Das alles sind durchaus denkbare Szenarien. Weiter heißt es:

Gerade jetzt vollendet sich die Ausdehnung des Kapitalismus. Er st√∂√üt damit an die Grenzen der irdischen Natur. Die Ressourcen√∂konomie mu√ü √ľber die Kapitalakkumulation siegen, wenn es nicht zur √∂kologischen Katastrophe kommen soll.

Auch richtig. Aber was ist nun das Ziel? Kommunismus? Ja, sicher, meint Frau Lötzsch:

Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung.

Die Begr√ľndung:

Thomas Edison soll gesagt haben: ¬ĽIch bin nicht gescheitert. Ich habe nur 10000 Wege gefunden, die nicht funktionieren.¬ę Was f√ľr ein gro√üartiges Selbstbewu√ütsein! Wie viele Wege haben die Linken gefunden, die nicht funktionierten? Waren es 100 oder 1000? Es waren bestimmt nicht 10000!

Mit anderen Worten: Um das kommunistische Arbeiterparadies zu verwirklichen, braucht es nur ein wenig Durchhalteverm√∂gen. Man darf einfach nicht zu fr√ľh aufgeben und sollte nicht allzu weinerlich sein, denn in jedem Laborversuch k√∂nnen nat√ľrlich kleine Schnitzer passieren – ein paar Millionen Tote beispielsweise.

Von Karl Popper stammt der Satz: „Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produzierte stets die H√∂lle.“ Popper wusste, wovon er sprach, als junger Mann war er selbst f√ľr kurze Zeit Kommunist, bevor er dann zu einem erbitterten Gegner des Marxismus-Leninismus wurde, denn er hatte erkannt: Die Ursachen von Ungerechtigkeit, Armut und Hunger auf diesem Planeten gilt es ausfindig zu machen und zu bek√§mpfen. Aber nicht „das Elend der Philosophie“ ist das Problem, wie Karl Marx im vorletzten Jahrhundert behauptete, vielmehr – um es im Jargon von Frau L√∂tzsch zu sagen – die Elend-Akkumulation durch Leute wie Stalin und Mao, die im Namen des Kommunismus Millionen Unschuldige einkerkern, foltern und t√∂ten lie√üen. F√ľr die beiden Gro√ülabor-Experten war alles offensichtlich ein faszinierendes Experiment – fast wie bei Edison, nur dass man mit Menschen statt mit Gl√ľhbirnen herumhantierte.

H√ľten wir uns also vor den „Ismen“, vor Islamismus und Hedonismus, vor Kapitalismus, Nationalismus und Sozialismus einschlie√ülich ihrer Mischformen und Derivate. Solche Heilslehren und Begl√ľckungsmaschinen haben alle eins gemeinsam: Sie sind von ihrer Anlage her gefr√§√üig, in der Struktur totalit√§r. Die Mutter aller Ismen ist der Fundamentalismus. Kein Mensch braucht Welten des Liberalismus, Couragismus oder Responsibilismus. Die Welt braucht Menschen, die nach Freiheit streben, die mutig sind und sich f√ľr ihr Handeln verantwortlich f√ľhlen.

Wie kommt es, dass mir ganz elend zumute ist, wenn ich alte M√§nner in Havanna und Pj√∂ngjang √ľber Kommunismus schwadronieren h√∂re? Und wie kommt es, dass es mir meistens gut geht, wenn ich mich mit Philosophie besch√§ftige? Und zwar weniger mit den „Schulen“ des Skeptizismus oder Solipsismus, eher mit Menschen wie Sokrates, Epikur und Montaigne. Bei ihnen stellen sich keinerlei Elendsgef√ľhle ein, ihre Gedanken regen an, sie tun einfach gut – der Seele und dem Geist.

Solche Gedanken finden wir in R√ľdiger Safranskis Schopenhauer-Biografie, die zum 150. Todestag des ebenso gro√üen wie umstrittenen Philosophen erschien. Dieses Buch bringt uns nicht nur den Menschen Arthur Schopenhauer, seine Schw√§chen und Vorz√ľge, seine Ideen und Projekte n√§her; wir sind pl√∂tzlich mittendrin im 19. Jahrhundert, in einem spannenden Film √ľber „die wilden Jahren der Philosophie“ mit faszinierenden Darstellern: Johanna Schopenhauer und Goethe, Kant und Hegel, Feuerbach und Marx. Der Autor hat sein „Drehbuch“ so geschrieben, wie wir es von seinen Werken √ľber Schiller und Nietzsche kennen: mit Witz, mit scharfem Intellekt und in einer Sprache, die den Rahmen einer „normalen“ Biografie sprengt, die das Buch zu gro√üer Literatur macht. Ich empfehle Ihnen dieses Buch ohne jede Einschr√§nkung, ob Sie nun Mitglied der LINKEN sind oder nicht.

Safranski ist, wenn es um die Er√∂rterung philosophischer und psychologischer Modelle geht, nicht zimperlich. Karl Marx wird zun√§chst im historischen Kontext geschildert, seine Diagnose der damaligen politischen und sozialen Zust√§nde wird gew√ľrdigt, seine Therapievorschl√§ge jedoch werden anschlie√üend in Einzelteile zerlegt, Sigmund Freud wird in einem Aufwasch gleich mit erledigt. Die zentralen Begriffe hierbei sind Freiheit, Mut und Verantwortung. Auf Seite 456 hei√üt es:

Aber wie eigenartig: Das Bewu√ütsein, das vorn der Freiheit eine Gasse bahnen will, betreibt hintenherum eine Art Freiheitsberaubung im gro√üen Stil. Das Bewu√ütsein, das Freiheit will, scheint so genau wie nie zuvor dar√ľber Bescheid zu wissen, von welchen gesellschaftlichen oder nat√ľrlichen Bestimmungsgr√ľnden das vermeintlich freie, spontane Handeln umzingelt ist. (…) Die Zangenbewegung von Soziologie und Psychoanalyse beispielsweise l√§√üt eigentlich keinen Raum mehr f√ľr Freiheit, in der Selbstinterpretation erscheinen wir als √∂konomische Charaktermaske, als soziale Rolle und als Triebnatur – eine unaufh√∂rliche Blamage f√ľr jedes Freiheitsbewu√ütsein. Trotzdem bleibt das Freiheitsverlangen lebendig, gerade auch bei denen, die sich gut darauf verstehen, ihre Spontaneit√§t soziologisch und psychoanalytisch zu „hinterfragen“.

Und dann kommt Safranskis messerscharfes Urteil:

Vielleicht h√§ngt das damit zusammen, dass das Freiheitsverlangen den Mut und die F√§higkeit, Verantwortung zu √ľbernehmen, √ľbersteigt. Man will die Freiheit (…) aber wenn es schlecht l√§uft, wenn es gilt, Folgelasten zu tragen, dann hat die diskursive Freiheitsberaubung ihre gro√üe Stunde: Man kann erkl√§ren, da√ü es so hat kommen m√ľssen, und ist die Verantwortung los.

Brillante Worte. Apropos, sind Ihnen aus Shakespeares ber√ľhmtem Hamlet-Monolog, der bekanntlich mit den Worten „Sein oder Nichtsein“ beginnt, auch die letzten Verse bekannt? Sie beschreiben kurz und pr√§gnant das, was so viele Menschen im Laufe ihres Lebens irgendwann wie eine Krankheit bef√§llt: Angst vor der eigenen Courage, Flucht vor der Verantwortung, Mangel an Projektf√§higkeit. Hier ist das Shakespeare-Zitat, welches ich √ľber alle Ma√üen sch√§tze und das man deshalb auch im Schlusskapitel meines Buchs „Projektherz“ findet:

So macht Bewußtsein Feige aus uns allen;
Der angebornen Farbe der Entschließung
Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;

Und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll,
Durch diese R√ľcksicht aus der Bahn gelenkt,
Verlieren so der Handlung Namen.

So gelungen diese Schlegel’sche √úbersetzung auch ist, sie kann letztlich nicht Shakespeares Originaltext ersetzen. Hier ist er:

Thus conscience does make cowards of us all;
And thus the native hue of resolution
Is sicklied o’er with the pale cast of thought,

 

And enterprises of great pith and moment
With this regard their currents turn awry,
And lose the name of action.

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