Wie intelligent ist Herr Westerwelle?

Es fehlt an Professionalit√§t, Inspiration und F√ľhrung –
in der deutschen Politik ebenso wie an Deutschlands Schulen


Wenn ich Chef einer Anwaltskanzlei w√§re und Guido Westerwelle sich bei mir bewerben w√ľrde, ich bin sicher: Den Mann w√ľrde ich nicht einstellen. Denn ich br√§uchte in meiner Mannschaft keinen Lautsprecher, sondern Leute, die pr√§zise denken und effektiv handeln.

So wenig aber Herr Westerwelle in den letzten zehn Jahren durch originelle Ideen, durch F√ľhrungs- oder Urteilskraft aufgefallen ist, man muss ihm eine gewisse Schlauheit bescheinigen. Nach dem Studium war er nur kurzfristig in der Anwaltskanzlei seines Vaters t√§tig und ist rasch in die Politik eingestiegen. In diesem Metier ist es bei uns in Deutschland √§hnlich wie an den Schulen; ob du Mitglied des deutschen Bundestags oder beamteter Oberstudienrat werden willst, du brauchst weder einen besonders hohen IQ noch jahrelange Berufserfahrung, dokumentiert durch entsprechende Arbeitszeugnisse. Nach Schule kommt Hochschule und dann die Ochsentour.

In dem Moment, wo du Partei- und Parlamentsmitglied respektive Beamter auf Lebenszeit wirst, bist du versorgt Рnie mehr lästige Bewerbungsgespräche, Angst vor dem Versagen, Angst um den Arbeitsplatz. Du kannst einen miesen Job machen, unterirdische Ergebnisse erzielen, Projekte gegen die Wand brettern oder einfach nichts tun, solange du keine silbernen Löffel klaust, wirst du nicht gefeuert. Die logische Konsequenz: In der Beliebtheitsskala der Berufe rangieren Politiker und Lehrer in Deutschland im unteren Drittel, Tendenz fallend. Das ist schlicht katastrophal und darf so nicht länger hingenommen werden.

Bevor ich missverstanden werde, es gibt erstklassige Leute in der Politik, Gott sei Dank. Ebenso kenne ich aus eigener Erfahrung etliche Lehrerinnen und Lehrer, die sich durch hohe Intelligenz und große Fachkompetenz auszeichnen. Aber mir scheint, insgesamt sind es zu wenige Рin der Politik wie im Bildungssektor. Was die öffentlichen Schulen anbelangt, ist die Situation in Finnland beispielsweise völlig anders. Nur die Besten werden dort zum Lehramtsstudium zugelassen, und der Lehrerberuf genießt höchstes Ansehen in der Bevölkerung.

In meinem neuen Buch „Projektherz“ habe ich den Begriff der Projektintelligenz (PI) entwickelt. Gemeint ist die Kombination aus IQ und EQ, also die Verkn√ľpfung kognitiver F√§higkeiten (analytisches Denken, Phantasie, geistige Flexibilit√§t) mit sozialer und emotionaler Kompetenz. Entscheidend bei meinem Modell ist, dass die Komponenten nicht einfach addiert, sondern multipliziert werden, im Prinzip nach der simplen Formel: PI = IQ * EQ.

Genau genommen fehlt auf der rechten Seite der Gleichung der „Normierungsfaktor“ 1/100. Er wird gebraucht, damit f√ľr IQ=100 und EQ=100 das Ergebnis nicht 10.000, sondern ebenfalls 100 ist. Nehmen wir beispielsweise drei Menschen, die alle den gleichen IQ, aber unterschiedliche EQ-Werte haben; es sind selbstverst√§ndlich fiktive Personen, d. h. es geht hier nicht um den noch amtierenden Au√üenminister:

 

IQ         EQ        PI = IQ * EQ * 1/100       < SI = (IQ+EQ) * 1/2 >
___________________________________________________________

120         70                  84                                   < 95 >
120        100               120                                  < 110 >
120        120               144                                  < 120 >

 

In eckigen Klammern stehen zum Vergleich mit der jeweiligen Projektintelligenz (PI) die Werte, die man durch schlichtes Addieren von IQ und EQ erhalten w√ľrde, also eine Art „Summenintelligenz“ (SI). Aber ich behaupte, so funktioniert die Sache nicht. In der Physik l√§sst sich die Kraft, die ein bewegter K√∂rper aus√ľbt, ja auch nicht durch blo√ües „Zusammenz√§hlen“ von Masse und Beschleunigung ermitteln.

Meine These ist, dass sich IQ und EQ zum PI-Wert herauf bzw. herunter multiplizieren. Anders gesagt: Wenn ein junger Mensch mit einem IQ von 120 durch anspruchsvolle T√§tigkeiten, etwa durch Team- und Projektarbeit, seinen EQ-Wert von 70 auf 100 steigert (siehe Tabelle, erste und zweite Zeile), so erh√∂ht sich seine „Summenintelligenz“ lediglich von 95 (leicht unter dem Durchschnitt) auf 110 (leicht √ľber dem Durchschnitt), seine Projektintelligenz jedoch von miserablen 84 auf beachtliche 120 Punkte, also um mehr als 40 Prozent!

Mein Fazit: Junge Leute entwickeln ihre gesamte Pers√∂nlichkeit am besten, indem sie m√∂glichst fr√ľh und intensiv zusammen mit erfahrenen „Projektmenschen“ spannende und herausfordernde Problemstellungen bearbeiten – im Handwerk, in Marketing und Vertrieb, Forschung und Entwicklung oder in einem Theaterprojekt.

Das hei√üt in der Konsequenz: Wir brauchen mehr Projektmenschen in Schule und Politik. Dies aber setzt neue K.-o.-Kriterien f√ľr Lehrer und Politiker voraus. Wer in ein Parlament gew√§hlt werden will oder an einer weiterf√ľhrenden Schule unterrichten will, sollte au√üer einem gewissen Mindestalter auch nachweisen, dass er mindestens f√ľnf Jahre erfolgreich in der freien Wirtschaft gearbeitet hat.

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